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Interviews

ZU  VIELE  NICHT-DEUTSCHE  ALS  KUNDEN

Tafel Essen entscheidet sich für radikale Lösung

 

Angesichts steigender Anmeldung seitens nicht-deutscher Bedürftiger hat sich die Tafel Essen zu einem radikalen Schritt entschieden. Seit Mitte Januar können sich nur noch Menschen mit einem deutschen Pass dort als Neukunden anmelden.

 

Auf ihrer Website begründet die Tafel Essen den Schritt. Demnach sei aufgrund der Flüchtlingszunahme in den letzten Jahren der Anteil ausländischer Mitbürger an den Tafel-Kunden auf 75 Prozent gestiegen. Um eine vernünftige Integration zu gewährleisten sehe man sich gezwungen, „zurzeit nur Kunden mit deutschem Personalausweis“ aufzunehmen. Prinzipiell müssen Neukunden bei der Anmeldung nachweisen, dass sie Sozialleistungen, wie Hartz IV, Grundsicherung oder Wohngeld, empfangen.

Ältere Frauen fühlten sich abgeschreckt

Der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung" (WAZ) sagte der Vereinsvorsitzende Jörg Sartor: „Wir wollen, dass auch die deutsche Oma weiter zu uns kommt.“ Demnach seien ältere Tafel-Nutzerinnen und alleinerziehende Mütter in den letzten Jahren langsam verdrängt worden. Nachfragen hätten ergeben, dass sich vor allem die älteren Frauen von der Vielzahl junger, fremdsprachiger Männer an den Ausgabestellen abgeschreckt gefühlt hätten.

Lesen Sie hier den Beitrag aus FOCUS Online vom 22. 02. 2018 zu Ende.

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AUFGELADENE  HAUSHALTSDEBATTE

Europa wird teurer – für uns alle

 

Die EU stellt jetzt ihren billionenschweren Haushalt auf. Das wird umso schwieriger, da die Briten als Beitragszahler wegfallen. Auch Länder wie Polen dürften bald neuen Ärger bereiten. Für diesen Fall wird bereits eine Drohkulisse aufgebaut.

 

Von Florian Eder

Günther Oettingers Job als EU-Haushaltskommissar ist so undankbar wie eigenartig. Er muss gerade einen so langfristigen Haushaltsplan aufstellen, dass jedem Finanzminister schwindlig würde. Europa plant in Sieben-Jahres-Rhythmen, was auch heißt: Der nächste Finanzrahmen muss noch 2028 zur EU und ihren Prioritäten passen. Wer weiß heute schon, welche Krise dann Reaktion erfordert?

Der EU-Haushalt darf außerdem keine Schulden aufnehmen. Was Günther Oettinger auf die Ausgabenseite schreibt, muss er bei den 27 Regierungen der EU eintreiben. Der Ausstieg Großbritanniens reißt auf der Einnahmenseite ein Loch von bis zu 14 Milliarden Euro im Jahr.

Die Aufgaben jedoch werden zahlreicher. Grenzschutz, Afrika, gemeinsame Verteidigung – das alles ist als Gemeinschaftsaufgabe im Grundsatz beschlossen, aber bisher nicht nachhaltig finanziert. Deswegen ist Oettinger der Mann mit einer Botschaft, die niemand gern hört: Europa wird teurer für seine Mitglieder. Seine Pläne muss er schließlich durch das Europaparlament bringen. Es ist darauf zu wetten, dass die Abgeordneten für zu wenig ambitioniert halten werden, was immer Oettinger am Ende vorlegt.

Auch der Europäische Rat , die Runde der Staats- und Regierungschefs, muss zustimmen. Dort herrscht der Zwang zur Einstimmigkeit. Alles in allem ein Job aus dem Vorhof der Hölle. Dabei wurde Oettinger im Gegenzug nicht einmal Vizepräsident der EU-Kommission, wie es für Haushaltskommissare lange Brauch war.

Wundertüte oder Pandoras Büchse

Oettingers Job bietet aber auch eine Gelegenheit, die es nur alle sieben Jahre gibt: Er hat in diesem Jahr die Chance, mit einem billionenschweren Budget Europa zu gestalten. Es gebe drei Mittel der Politik, sagt Oettinger: Kommunikation, Gesetzgebung und Geld. Der Haushalt kann eine Wundertüte sein oder Pandoras Büchse. Er könnte sogar ein Vehikel zur Lösung tiefer Konflikte sein, wenn Oettinger und die Verhandlungsführer es geschickt anstellen.

Lesen Sie hier den Beitrag aus WELT Online vom 21. 02. 2018 zu Ende.

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MARTIN  MOSEBACH

Warum das Schicksal ermordeter Kopten alle Christen angeht

 

Die 21 Kopten, die 2015 von Islamisten getötet wurden, werden in Ägypten als Märtyrer verehrt. Zu recht, findet der Schriftsteller Martin Mosebach, der jetzt vom Stolz unterdrückter Christen erzählt.

 

Von Hannes Stein

Am 15. Februar vor drei Jahren geschah in Libyen Folgendes: 21 Männer, die in orangefarbene Overalls gekleidet waren, wurden von ihren in Schwarz gekleideten Henkern an einen Strand geführt. Der Anführer der Henker hielt eine Rede, in der er in vorzüglichem Englisch darlegte, dass das, was nun folge, ein Akt der Gerechtigkeit sei: die Rache der muslimischen Welt für die christlichen Kreuzzüge.

Dann warfen die Mörder ihre Opfer nach vorn. Die 21 Männer bekannten sich in einem letzten Stoßgebet zu ihrer Religion: „Jarap Jesoa!“, sagten sie. Herr Jesus! Dann schnitten die Mörder ihnen die Kehlen durch, säbelten ihnen die Köpfe ab und stellten die abgeschnittenen Schädel auf die Rücken der Leichen. Unterdessen rannen hundert Liter Blut ins Mittelmeer, das sich rot färbte.

20 jener 21 Männer waren koptische Christen: Wanderarbeiter aus Ägypten, die nach Libyen gegangen waren, um ihre Familien zu ernähren. Der 21. war ein Afrikaner aus Ghana, der bekannt hatte „Ich bin ein Christ“ und deshalb mit den anderen zusammen geschlachtet worden war.

Heute werden alle 21 Männer zusammen von der koptischen Kirche als Märtyrer verehrt: als Menschen, die mit ihrem Blut die Wahrheit des Christentums bezeugen. Natürlich gibt es längst Wunder, die ihnen posthum zugeschrieben werden.

Der Sohn eines der Ermordeten fiel aus einem Fenster. Der Sturz hätte tödlich ausgehen können, aber er überlebte, nur sein Arm brach an mehreren Stellen. Hinterher sagte er, sein toter Vater hätte ihn aufgefangen. Und nach wenigen Tagen soll auf dem Röntgenbild nichts mehr von dem Armbruch zu sehen gewesen sein.

Wer sind diese Kopten, die sich noch im letzten Moment ihres Lebens – „Jarap Jesoa!“ – zu ihrer Religion bekannten? Sie gehören zu den Kirchen des Orients, unterscheiden sich aber dadurch von den meisten von ihnen, dass sie nicht nur Ecclesia, Glaubensgemeinschaft, sondern auch Ethnos, ein Volk, sind: Bei den Kopten handelt es sich um die Nachfahren jener Ägypter und Griechen, die vor der Eroberung durch die islamischen Araber am Nil lebten.

Es gibt aber noch einen anderen wichtigen Unterschied zwischen den Kopten und den anderen Christen des Morgenlandes: Sie sind sehr viele. Genaue Zahlen kennt kein Mensch, manche Schätzungen gehen davon aus, dass 15 Prozent der heutigen Ägypter koptische Christen sind. Das heißt, es ist – anders als im Fall der Christen im Irak oder in Syrien – nicht möglich, die Kopten einfach so zu vertreiben. Gewiss, sie werden kujoniert, immer wieder kommt es zu Massakern.

Der ägyptische Staat hat sie nie als gleichberechtigte Bürger akzeptiert (auch unter seinen angeblich säkularen Herrschern bis hin zu General al-Sisi nicht). Sollten jemals wieder die Muslimbrüder an die Macht kommen, wären sie in höchster Bedrängnis. Aber die Kopten sind es gewöhnt, in höchster Bedrängnis zu sein. Und obwohl sie eine schikanierte Minderheit sind, bauen sie Gemeindezentren und Kirchen, von denen manche höher ragen als die örtlichen Minarette.

Der deutsche Schriftsteller Martin Mosebach hat sich aufgemacht, um die Familien der koptischen Märtyrer – er schreibt dieses Wort konsequent „Martyrer“, ohne Umlaut, wohl um die Verwandtschaft mit „Martyrium“ zu unterstreichen – in dem Dorf El-Or in Oberägypten zu besuchen. Von Anfang an sagt er dabei, was ihn nicht interessiert: die Ideologie der Täter, der Streit über die Frage, ob der Islam in jener Ideologie zur Unkenntlichkeit oder vielmehr zur Kenntlichkeit entstellt wurde.

Lesen Sie hier den Beitrag aus WELTplus Online vom 20. 02. 2018 zu Ende.

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POLITIKVERDROSSENHEIT

Die Politik hat verlernt, das Göttliche zu sehen

 

Die deutsche Gesellschaft glaubt nicht mehr an Gott. Sie glaubt an Yoga, die 30-Stunden-Woche, die „Ice Bucket Challenge“ oder an Sophia Thomalla. Was für ein Fehler. Denn besonders die Politik braucht wieder mehr Göttliches.

 

Von Frédéric Schwilden

Wissen Sie, wie ich meine Freunde richtig geschockt habe? Ich hab ihnen erzählt, dass wir unseren Sohn taufen lassen. Und zwar katholisch. Und jetzt schreib ich Ihnen nicht, wie schwer man es heute als Christ hat und dass man ja irgendwann ausstirbt wegen Milliarden von Muslimen, die sich jeden Tag von irgendwoher aufmachen, um uns hier Schweinespeck, Tittenbars und unsere deutschen Schlampen wegzunehmen.

Nö, den Text und den Autor gab es schon. Der bin ich nicht. Ich bin der, der ihnen erzählt, was die Taufe meines Sohnes mit der großen Koalition zu tun hat. Und wie das Geschocktsein über diese Taufe mit Andrea Nahles, Martin Schulz und Angela Merkel zusammenhängt. Denn das ist so: Alles hängt miteinander zusammen.

Also, die Taufe. Von einigen Freunden und Verwandten spürten wir starken Widerspruch. Die Kirche würde Schwule diskriminieren. Die Kirche würde Kinder missbrauchen. Lustigerweise wurden auch die Kreuzzüge als Argument gegen eine Taufe unseres Sohnes angeführt. Irgendjemand hat dann sogar noch Tebartz-van Elst , den Ex-Bischof von Limburg erwähnt. Sie wissen schon, der Typ, der erster Klasse nach Bangalore geflogen ist, der mit dem goldenen Badezimmer oder so ähnlich. Und während ich die Sache mit den Kreuzzügen, der Benachteiligung Homosexueller und dem Missbrauch verstehe, muss ich doch sagen, wer wenn nicht Tebartz-van Elst zeigt, dass sich Glauben lohnt?

Es ist ja die Geschichte. Ich meine, da wird im November 1959 jemand in Twisteden, einem Ort, der gar nicht existiert, so unbekannt ist er, als Sohn von Landwirten geboren, und nicht mal 50 Jahre später bekommt er einen Palast gebaut. Ist das nicht ein Gottesbeweis? Und daran soll mein Sohn nicht glauben dürfen?

Ich bin mir selbst nicht sicher, ob ich an Gott glaube. Aber ich will es. Ich will den Erlöser. Den Todesüberwinder. Den Heiland. Ich will den, der in den Himmel fährt.

Ich hatte verschiedene Phasen des Glaubens. Mit 18 habe ich an Musik geglaubt. Ich habe mir enge Hosen und eine Lederjacke gekauft. Ich habe angefangen, Drogen zu nehmen und bin nach Berlin gezogen. Ich dachte, in einem verzerrten Gitarrenakkord und auf einer vollgekritzelten Backstagetoilette fände ich Gott. Aber in Wahrheit waren da nur die Plattenfirmenmitarbeiter mit BWL-Studium, die verzweifelt versucht haben, mit irgendjemandem zu schlafen.

Lesen Sie hier den Beitrag aus WELT Online vom 19. 02. 2018 zu Ende.

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LEBEN  ALS  "GOTTGEWEIHTER"

Warum dieser Brasilianer im Allgäu mit Drogensüchtigen betet

 

Der Brasilianer Luiz Fernando Braz lebt als „Gottgeweihter“ auf einem bayerischen Bauernhof und hat eine Mission: Er will drogen- und spielsüchtige Männer heilen - indem er mit ihnen betet. Kann das klappen?

 

Von Christina Hertel

Es ist 6.30 Uhr, im Bauernhaus im Allgäu gibt es Frühstück. Semmeln, Marmelade und Kaffee. 14 Männer sitzen im Esszimmer. Die meisten noch ziemlich jung, nicht älter als 30. Gemeinsam sollen sie, alle freiwillig, ein Jahr auf dem Hof verbringen – ohne Handy, Internet, Zigaretten. Keiner von ihnen sieht heruntergekommen aus. Doch eines haben sie gemeinsam: Sie sind süchtig.

Einer, der sie von ihrer Sucht befreien will, heißt Luiz Fernando Braz. Er führt ein Leben wie ein Mönch: ohne Besitz, ohne Sex, ohne Freundin, ohne Familie. Braz ist 32 Jahre alt und hat das alles aufgegeben, um sich – Tausende Kilometer von seiner Heimat Brasilien entfernt – um drogenabhängige und suchtkranke Männer zu kümmern. Braz lebt mit ihnen und betet mit ihnen.

Mönch darf er sich nicht nennen

Eigentlich ist Luiz Braz Grafiker. Doch diesen Beruf hat er aufgegeben, um ein „gottgeweihtes“ Leben zu führen. Mönch darf er sich nicht nennen, weil er kein Mitglied in einem Orden ist. Er sieht auch nicht so aus. Die Haare zu einem Knoten zusammengebunden, Bart, Jeans, Lederstiefel, Strickpullover – genauso könnte er irgendwo in einer Großstadt hinterm Tresen stehen.

Mehr als hundert solcher Einrichtungen gibt es auf der ganzen Welt. Sie heißen alle Fazenda da Esperança, das ist Portugiesisch und bedeutet Hof der Hoffnung. Den ersten hat ein deutscher Franziskanermönch in den 70er-Jahren in Brasilien gegründet. In der Kapelle hängt ein Bild von ihm mit grauen Haaren und Gitarre in der Hand.

Ausmisten, Holz hacken

Doch kann so ein Konzept wirklich funktionieren? Kann Glaube von einer Sucht heilen? Lässt sich eine Abhängigkeit einfach wegbeten? Das kann man in den kommenden Wochen auf dem Blog der Autorin www.gott-im-abseits.de , der von der Deutschen Bischofskonferenz finanziert wird, nachlesen.

Das Leben auf der Fazenda besteht aus Arbeit: Stall ausmisten, Holz hacken, putzen, kochen, Tiere füttern. Aus Gemeinschaft – ohne die anderen kann man sich auf dem Hof nicht mal ein Butterbrot schmieren. Das Leben ist geprägt von Andachten und Gottesdiensten. Obwohl die Männer nicht unbedingt katholisch sind. Auf dem Hof leben auch Atheisten und Muslime. Sie müssen auch nicht mitbeten, sagt Braz.

Lesen Sie hier den Beitrag aus WELT Online vom 18. 02. 2018 zu Ende.

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KATHOLISCHE  KIRCHE

Franziskus verlängert Mandat für Kinderschutzkommission

 

Mitten im Skandal um einen mutmaßlichen Missbrauchsvertuscher in den eigenen Reihen hat Papst Franziskus der päpstlichen Kinderschutzkommission ein neues Mandat erteilt.

Die päpstliche Kinderschutzkommission wird weiterarbeiten. Im Dezember hatte Franziskus nach drei Jahren das Mandat des Gremiums auslaufen lassen. Nun sollen die Experten ihre begonnene Arbeit fortsetzen - allerdings in etwas anderer Zusammensetzung.

Im vergangenen Jahr hatten zwei prominente Mitglieder, die selbst Missbrauchsopfer waren, der Kommission den Rücken gekehrt. Die Irin Marie Collins nannte als Gründe Frust über die langsame Arbeit der Kommission und die Hürden, die dem Gremium im Vatikan im Weg stünden.

In Zukunft soll die Kommission weiter vom Bostoner Erzbischof Sean Kardinal O'Malley geleitet werden und insgesamt 17 Mitglieder haben, die den Papst beraten. Neun Mitglieder wurden neu ernannt. Auch künftig gehören dem Gremium wieder Missbrauchsopfer an.

Lesen Sie hier den Beitrag aus SPIEGEL Online vom 17. 02. 2018 zu Ende.

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DER  DREISSIGJÄHRIGE  KRIEG

Die frappierenden Parallelen zu den Krisen der Gegenwart

 

Als sich 1618 in Böhmen ein Verfassungskonflikt entlud, gingen alle Beteiligten von einem kurzen Krieg aus. Dennoch konnte er nicht beendet werden, dauerte 30 Jahre. Und er veränderte Europa von Grund auf.

Von Berthold Seewald

Es geht um einen großen Krieg, der zugleich fern, aber auf irrlichternde Weise auch nah, fast aktuell anmutet: Der Dreißigjährige Krieg, der am 23. Mai 1618 durch den Fenstersturz kaiserlicher Räte auf der Prager Burg ausgelöst wurde, findet offenbar ein Interesse, das selbst seine Interpreten 400 Jahre später überrascht. Als die Wissenschaftliche Buchgesellschaft aus Darmstadt jetzt zu einem Podiumsgespräch mit zwei profunden Kennern in die Berliner Denkerei lud, waren sämtliche Plätze bereits 15 Minuten vor Beginn ausverkauft.

Die „Dreißigjährigen Kriege“ haben es in der Tat in sich: Die Darstellung des Oxforder Historikers Peter H. Wilson (WBG) zählt 1144, des Berliner Politikwissenschaftlers Herfried Münkler (Rowohlt Berlin) 976 Seiten. Beide haben inzwischen fünfstellige Auflagen erreicht und müssen nachgedruckt werden. Soviel Papier über einen entlegenen historischen Gegenstand füllte zuletzt mit Raoul Schrotts Neudeutung der Homerischen Frage die Hörsäle. Damals bewegt die These, der Dichter von „Ilias“ und „Odyssee“ sei ein Lohnschreiber im Dienst der assyrischen Großkönige gewesen, die Gemüter. Was aber bewegt am Dreißigjährigen Krieg?

Erste Antworten, die da unter der straffen Moderation von Andreas Kilb (FAZ) vorgeschlagen wurden, fokussierten sich auf zwei Aspekte. Der eine ist archäologischer, der andere frappierender Natur.

Wie im Fall Homers und seiner Epen dürfte sich das Wissen der meisten Zeitgenossen über den Dreißigjährigen Krieg in wenigen Schlagzeilen und Daten erschöpfen. Dass daraus Neugier wird, mag mit dem verdrängten Trauma zu tun haben, das Münkler in seinem Buch diagnostiziert: Vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs war der Dreißigjähriger der große Krieg, der sich tief in die deutsche Mentalität eingegraben hatte. Mit seiner Frontstellung argumentierten noch die Generäle des Deutschen Kaiserreichs, als sie den Schlieffen-Plan entwarfen, um nicht noch einmal vom französischen „Erbfeind“ überwältigt zu werden.

Weil der Krieg Europa von Grund auf veränderte, hat er sich in die Geschichten seiner Bewohner eingeprägt, erklärte Wilson. Er tat dies, weil er mehrere Konflikte auf die Spitze trieb, die sich gegenseitig bedingten, ergänzte Münkler. Es begann 1618 als Verfassungskonflikt in Böhmen, der sich zu einem Ringen um die Hegemonie in Europa auswuchs und sich schließlich über die Frage weiterschleppte, welche neue Ordnung dem Kontinent, zumal dem Heiligen Römischen Reich als seinem Schlachtfeld, gegeben werden sollte.

Lesen Sie hier den Beitrag aus WELT Online vom 16. 02. 2018 zu Ende.

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STUDIE  VON  SAVE  THE  CHILDERN

Jedes sechste Kind lebt im Krieg

 

Sie werden getötet, verstümmelt, Opfer sexueller Gewalt oder als Soldaten eingesetzt: Jedes sechste Kind lebt laut einer Studie in Kriegs- und Konfliktregionen. Das sind 75 Prozent mehr als vor 20 Jahren.

Syrien, Afghanistan und Somalia - das waren im vergangenen Jahr die drei gefährlichen Länder für Kinder. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie, die die Organisation Save the Children kurz vor der Münchner Sicherheitskonferenz , die an diesem Freitag beginnt, veröffentlicht hat. Basis des Berichts sind Zahlen der Uno und des Friedensforschungsinstituts Oslo. Save the Children weist darauf hin, dass manche Angaben nicht überprüfbar sind und von einer noch höheren Dunkelziffer ausgegangen werden muss.

Die wichtigsten Ergebnisse:

Lesen Sie hier den Beitrag aus SPIEGEL Online vom 15. 02. 2018 zu Ende.

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FLÜCHTLINGSKRISE

Der hohe Preis der deutschen Barmherzigkeit

 

Was kostet Deutschland die Flüchtlingskrise? Darauf gibt es zwar ständig unterschiedliche Antworten. Fest steht, dass die wahren Kosten deutlich höher als die offiziellen Zahlen sind. Auch die größten Profiteure stehen jetzt schon fest.

Von Stefan Aust

Christine Emmer-Funke aus Minden war fassungslos: 22.000 Euro an Sozialleistungen sollte die 61-Jährige zurückzahlen. Weil sie 2014 für ein aus Syrien geflüchtetes Ehepaar eine Bürgschaft übernommen hatte. Gemeinsam mit ihrem Mann sah sie damals die schrecklichen Bilder aus dem syrischen Bürgerkrieg: „Wir waren erschüttert und wollten helfen“, erzählte sie dem Reporter ihrer Lokalzeitung.

Auch die Politik reagierte unbürokratisch und schnell auf die Schreckensbilder aus Nahost. Bund und Länder ließen mehrere Zehntausend Menschen über humanitäre Aufnahmeprogramme einreisen – noch vor dem großen Ansturm im Herbst 2015. Voraussetzung für die Aufnahme war, dass nahe Verwandte in Deutschland lebten und sich jemand zur Finanzierung von Lebensunterhalt und Unterkunft verpflichtete.

Das Risiko schien überschaubar: Mit der so gut wie sicheren Anerkennung der Syrer würde die Zahlungsverpflichtung auslaufen – nach sechs, vielleicht zwölf Monaten. So hatten es die zuständigen Behörden und Politiker damals den gut meinenden Flüchtlingshelfern erklärt.

Nun bekamen sie die Rechnung. Denn der Bundestag beschloss im August 2016 eine Fünfjahresfrist für den Bürgschaftszeitraum, die für „Altfälle“ auf drei Jahre reduziert und durch ein Urteil des Bundesverwaltungsgerichts im Januar vergangenen Jahres bestätigt wurde.

5000 niedersächsische Kirchengemeinden haben gebürgt

Allein im Bundesland Niedersachsen haben damals mehr als 5000 Kirchengemeinden, Vereine und Einzelpersonen entsprechende Bürgschaften unterschrieben. Sie alle erhalten seit dieser Gerichtsentscheidung Zahlungsaufforderungen für die Sozialausgaben zugunsten „ihrer“ Flüchtlinge für die Dauer von 36 Monaten.

Allein in der Stadt Wolfsburg fordern die Ämter nach einer Recherche der Illustrierten „Stern“ eine halbe Million Euro von einer Kirchengemeinde, einer Flüchtlingsinitiative und von verschiedenen Einzelpersonen.

Wie Frau Emmer-Funke erhalten zurzeit viele Menschen, die in den Jahren 2014 und 2015 Verpflichtungserklärungen für den Lebensunterhalt syrischer Flüchtlinge unterschrieben haben, Zahlungsaufforderungen von Sozialämtern oder Jobcentern. Sie und andere Betroffene haben Klage gegen die Bescheide eingereicht, hoffen aber zugleich auf eine politische Lösung, die aller Erfahrung nach schon kommen wird. Im Zweifel bürgt der Staat.

Barmherzigkeit hat ihren Preis. Die Flüchtlingskrise kostet offiziell 21,3 Milliarden Euro im Jahr. Dies zumindest ist die Zahl, die das Finanzministerium für das vergangene Jahr im Bundeshaushalt eingeplant hat – wie hoch die Kosten tatsächlich waren, ist noch nicht klar. Es kommt aber auch darauf an, wen man fragt.

Lesen Sie hier den Beitrag aus WELT+ Online vom 13. 02. 2018 zu Ende.

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KIRCHENGESCHICHTE:  WIEDERTÄUFER  VON  MÜNSTER

"Regelloser Geschlechtsverkehr in unersättlichem Wechsel"

 

Das „Tausendjährige Reich“ der Wiedertäufer in Münster 1534/35 zeichnete sich durch Gütergemeinschaft und Polygamie aus. Dahinter stand nicht nur Terror, sondern tatsächlich so etwas wie Zustimmung.

Von Berthold Seewald

Auch in Münster feiert man Karneval. Aus rheinischer Perspektive handelt es sich allerdings eher um eine gedämpft wirkende Angelegenheit, die weniger auf der Straße als am überdachten Thresen zelebriert wird. Das mag damit zusammenhängen, dass der traditionelle Rosenmontagsumzug auch über den Prinzipalmarkt zieht, die erste Adresse der Stadt. Von dort hat man einen guten Blick auf die Lambertikirche und die drei Käfige, die an ihrem Turm hängen. Heute sind sie leer, aber im 16. Jahrhundert verrotteten dort die Knochen der Führer eines Regimes, das als erstes „Tausendjähriges Reich“ in Deutschland für Schrecken gesorgt hatte: das „Königreich Sion“ der Wiedertäufer.

Es war im Februar des Jahres 1534, als ein gewisser Jan Mathys in die Stadt einzog. Zwar waren die Bewohner der Bischofsstadt in den vorangegangenen Jahren Anhänger Luthers geworden. Aber die uralten Traditionen, den Beginn der vorösterlichen Fastenzeit mit allerlei Schabernack zu feiern, wird vielen noch im Bewusstsein gewesen sein. Doch die Monate, die folgten, sollten alles in den Schatten stellen, was bis dahin erdacht worden war, um böse Geister zu vertreiben. Denn aus Spaß wurde blutiger, tödlicher Ernst.

Der kam mit Jan Mathys in die Stadt. Der gelernte Bäcker aus Haarlem in den Niederlanden war überzeugt davon, dass ihm Gott die Gabe der Prophetie verliehen habe. Und die ließ in ihm die Überzeugung wachsen, dass das Ende der Welt nahe sei. Hinzu kam ein persönliches Charisma, das die zum Mystizismus neigenden Anhänger der Reformation wie etwa die Täufer ansprach. Da diese in den Niederlanden zunehmend verfolgt wurden, fanden sie in Münster ihr „Neues Jerusalem“.

Das hatte nicht zuletzt soziale Gründe. In der wohlhabenden Hansestadt war es einige Jahre zuvor zu Unruhen gekommen. Die weltlichen Handwerker gingen mit Gewalt gegen die privilegierten Werkstätten in den zahlreichen Klöstern vor, die unter der Schirmherrschaft des Bischofs standen. Das trieb die Reformation voran. 1533 war der Rat der Stadt streng lutherisch, ein Vertrag mit dem Bischof sicherte den labilen Frieden.

Doch der maßgebliche Reformator in der Stadt, Bernd Rothmann, predigte weniger eine bibelfeste Theologie im Sinne Luthers , sondern schwenkte mehr und mehr ins Lager schwärmerischer Bewegungen, die das sehnsüchtig erwartete Reich Gottes mit spirituellen Mitteln zu gewinnen suchten. Das zog immer mehr Täufer an, bis sie schließlich mit ihrem Propheten Jan Mathys die Macht übernahmen. Zunächst wurden die verbliebenen Katholiken verdrängt, bald auch die Lutheraner, die sich dem Täufer-Regiment verweigerten, während die städtischen Unterschichten – Gewerbetreibende, Lehrlinge, Tagelöhner – endlich die Chance sahen, gegen die Herrschaft der Kaufleute und Zünfte aufzubegehren.

Lesen Sie hier den Beitrag aus WELT Online vom 12. 02. 2018 zu Ende.

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