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Interviews

DEUTSCHLANDS  UMGANG  MIT  ISRAEL

Im Gedenken Riesen. Im Handeln Zwerge.

 

Zum 70. Geburtstag des jüdischen Staates werden viele wohlfeile Reden gehalten. Dabei stand es noch nie so schlecht um das Ansehen Israels hierzulande. Ein neuer Antisemitismus erfasst das Land – ohne viele Deutsche zu beunruhigen.

Von Mathias Döpfner

Zum 70. Jubiläum des Staates Israel hebt ein staatstragendes Dröhnen an, das in seiner Psychologie an das berühmte Pfeifen im Walde erinnert. Die mediale und politische Inszenierung des Jubiläums wird zum Fest der Völkerverständigung.

Die wichtigsten Textbausteine der Reden und Leitartikel: die historische Verantwortung der Deutschen für Israel, die Solidarität zum Existenzrecht Israels , das nie verstummen dürfende Gedenken an den Holocaust, „Nie wieder!“ und in diesem Sinne die entschlossene Bekämpfung jeglicher Art von Antisemitismus – alles grundiert von der unverbrüchlichen deutsch-israelischen Freundschaft.

Diesen Ton hat Angela Merkel vor zehn Jahren in ihrer großartigen Rede in der Knesset geprägt, als sie sagte: Die „historische Verantwortung Deutschlands ist Teil der Staatsräson meines Landes. Das heißt, die Sicherheit Israels ist für mich als deutsche Bundeskanzlerin niemals verhandelbar. Und wenn das so ist, dann dürfen das in der Stunde der Bewährung keine leeren Worte bleiben.“

Zum Geburtstag des Staates Israel fällt sie besonders laut aus, weil jeder weiß, dass die Wirklichkeit derzeit ganz anders aussieht. Tatsächlich stand es schon lange nicht mehr so schlecht um das Ansehen Israels in Deutschland. Und ein neuer Antisemitismus erfasst das Land, ohne weite Teile der Bevölkerung zu beunruhigen. Das Hauptproblem ist dabei weniger, was alles passiert, sondern dass das, was passiert, keine Konsequenzen hat.

Bei Pro-Palästina- oder Anti-Israel-Demonstrationen brennen in Deutschland immer wieder israelische Fahnen. Die Konsequenz: eine Debatte über ein neues Gesetz, das dieses Verhalten verbieten soll (was gar nicht nötig wäre, weil geltende Gesetze zur Sanktionierung längst ausreichen). Einstweilen aber werden die Fahnen weiter verbrannt.

In Schulen werden immer mehr Kinder als „Juden“ gemobbt, körperlich attackiert oder mit dem Tod bedroht. Die Konsequenz: Volker Kauder schlägt eine bundesweite Meldepflicht für judenfeindliche Vorfälle an Bildungseinrichtungen vor. Währenddessen nehmen immer mehr Eltern ihre jüdischen Kinder von der Schule. Erst am Dienstag wieder schlug am Berliner Helmholtzplatz ein junger Mann einen Kippa-tragenden israelischen Studenten mit einem Gürtel und rief – wie ein Facebook-Video dokumentiert – immer wieder „Yahudi“ (Arabisch für Jude).

Lesen Sie hier den Beitrag aus WELT Online vom 19. 04. 2018 zu Ende.

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ANTISEMITISMUS  IN  DEUTSCHLAND

Es reicht!

 

Erneut ist es in Berlin zu einem ekelerregenden antisemitischen Vorfall gekommen. Es reicht! Das Judentum gehört zu Deutschland. Und wer das mit tumbem Hass und roher Gewalt infrage stellt, gehört nicht hierher.

Von Ulf Poschardt

Es reicht. Es reicht. Es reicht. Seit Jahren nun wird über den Antisemitismus in Deutschland als eine nicht hinzunehmende Zersetzung unseres Werte- und Gesellschaftsverständnisses gesprochen. Es gibt Sonntagsreden, Ermahnungen, und nun gibt es auch einen Antisemitismusbeauftragten, der zumindest symbolisch dieser Welle von Hass und Gewalt entgegentreten soll.

Es ist naiv und schlicht zu glauben, dass das etwas verändert. Wenig ändern werden auch die rührenden Projekte in Schulen mit vielen arabischen und muslimischen Kindern und Jugendlichen, solange in den Familien, in den Moscheeverbänden, in den subkulturellen Peers der Antisemitismus keine Ausnahme, sondern die Regel ist. Die schockierenden Aufnahmen eines Handyvideos , aufgenommen im weitgehend gentrifizierten Prenzlauer Berg in Berlin, dort, wo die gehobene Mittelschicht längst den Ton angibt, verdeutlicht, dass Deutschland dabei ist, den Kampf gegen den Antisemitismus zu verlieren.

So, wie das in Frankreich oder Schweden schon passiert ist. Die jüdischen Gemeinden verlassen Europa. Und sie tun dies aus Angst und Verzweiflung. Die Reaktion der Vertreter der muslimischen Bürger banalisiert das, und sie heulen in der Regel laut über die eigene Opfersituation.

Leider, so muss man sagen, werden die Muslime mit ihrem Zentralrat und den oft genug unseligen religiösen Organisationen mies vertreten. Sie sollten es als ihr Thema erkennen. Und in den Schulen und Kitas muss mit einer ganz anderen Härte und Entschlossenheit eine „Nulltoleranz“ gegen Antisemitismus, aber auch antichristliche Agitation („Schweinefleischfresser“) an den Tag gelegt werden. Es braucht drastische Urteile gegen Gewalttäter wie den jungen Mann im Video.

Die arabischen Jugendlichen, die so voller Wut auf Kippas und israelische Fahnen reagieren, haben diesem Land in der Regel wenig zu bieten außer ihren Hass, ihren Größenwahn und ihr tief komplexbeladenes Selbstbild, in dem Fremd- und Selbstwahrnehmung so weit auseinanderklaffen, dass mit der Erniedrigung anderer die eigenen bescheidenen Bildungs- und Karriereleistungen kompensiert werden sollen.

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JÜDISCH-CHRISTLICHES  ABENDLAND

Das Judentum als Teil von uns allen?

 

Was ist jüdisch am oft zitierten jüdisch-christlichen Abendland? Das wollen Juden und Christen erforschen. Um die Ergebnisse bekannt zu machen, haben sie ein Jubiläum nach Vorbild des Reformationsjahres ausgerufen.

Von Till-Reimer Stoldt

Um das Abendland tobt seit vielen Jahren ein Streit. Vor allem Politiker von CDU und CSU bis zu Angela Merkel besingen es gern als „unser christlich-jüdisches Abendland“. Doch manche deutschen Juden reagieren darauf geradezu allergisch. Sie verwerfen den Bindestrich-Begriff wahlweise als Fantasterei, Hohn oder Lebenslüge. Der Rabbiner Walter Homolka zum Beispiel stellte fest, ein solches Abendland „im Sinne einer exklusiven Wertegemeinschaft mit gemeinsamen christlich-jüdischen Wurzeln“ habe es „nie gegeben“.

Eine Annäherung beider Positionen könnte nun einem Verein führender Juden, Protestanten und Katholiken gelingen, der am Mittwoch gegründet werden soll. Die Vereinsgründer sind die Köpfe des Zentralrats der Juden in Deutschland, des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK) und des Deutschen Evangelischen Kirchentags. Ihr Verein „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ will – wie WELT vorab erfuhr – „die Bedeutung der jüdischen Kultur und Geschichte für Deutschland und Europa“ bekannt machen.

Das Jüdische ist ein bedeutsamer Teil des christlichen Abendlandes – diese Botschaft soll also publik werden. Was die Lobredner des christlich-jüdischen Abendlandes freuen dürfte. Allerdings will der Verein zugleich verhindern, dass der Bindestrich-Begriff eine historische Harmonie von Christen und Juden vorgaukelt, was wiederum den Kritikern gefallen dürfte. Schließlich wäre eine solche Harmonie, wenn überhaupt, dann erst neuesten Datums in der deutschen Geschichte – die großteils von Verfolgung, Gettoisierung und zuletzt Vernichtung der Juden geprägt war. Die Vereinsgründer wollen also beides, das Ja zum jüdisch-christlichen Abendland und das Nein zu dessen Verklärung, zusammenbringen.

PR-Welle fürs Judentum

Der Grund für die Vereinsgründung am Mittwoch in der Kölner Synagoge ist ein nahendes Jubiläum: Im Jahre 2021 wird seit exakt 1700 Jahren jüdisches Leben nördlich der Alpen nachweisbar sein. Im Jahre 321 erließ der römische Kaiser Konstantin ein Edikt, das Juden gestattete, in der Kölner Stadtverwaltung zu arbeiten. Dieses Edikt ist der älteste Beleg jüdischen Lebens nördlich der Alpen. Am ersten Januar 2021 soll aus diesem Anlass republikweit ein Gedenkjahr für 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland beginnen.

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EuGH

Dürfen jetzt auch Atheisten für die Kirche arbeiten?

 

Die Kirchen sind einer der größten Arbeitgeber, jetzt hat der Europäische Gerichtshof ein wegweisendes Urteil gefällt: Die Konfession darf bei der Jobvergabe nicht immer eine Rolle spielen. Was das bedeutet.

Von Kristin Haug

Der Europäische Gerichtshof (EuGH) hat an diesem Dienstag entschieden, dass kirchliche Arbeitgeber von Bewerbern nicht in jedem Fall eine Religionszugehörigkeit fordern können. Die Konfession könne nur zur Bedingung gemacht werden, wenn sie für die Tätigkeit "objektiv geboten" sei. Außerdem müsse die Verhältnismäßigkeit gewahrt bleiben. Doch was bedeutet das?

Mit dem Urteil lockert der EuGH die Vorgaben des Bundesverfassungsgerichts zum kirchlichen Privileg der Selbstbestimmung und schützt die Arbeitnehmer vor religiöser Diskriminierung. Gerichte dürfen nun im Zweifelsfall überprüfen, ob eine Stellenausschreibung an die Konfession der Bewerber gebunden sei (Az. C-414/16).

Die Grundrechte müssen abgewogen werden

"Der EuGH stellt sich mit dem Urteil gegen das Bundesverfassungsgericht", sagte Samuel Gruber, Fachanwalt für Arbeitsrecht bei der Anwaltskanzlei Melchers in Heidelberg dem SPIEGEL. "Die Rechte und Grundrechte des Bewerbers müssen von nun an stärker berücksichtigt werden." Die Regelung im deutschen Gesetz sei bislang zu lasch.

Wenn Kirchen von ihren Bewerbern und Angestellten eine Konfessionszugehörigkeit fordern, dann verstößt dies gegen das Antidiskriminierungsgesetz. In jedem Fall müssen die Grundrechte von beiden Seiten von nun an abgewogen werden. Dabei kommt es immer auf die Tätigkeit an, die der Bewerber auszuführen hat.

Pfarrer haben beispielsweise "verkündungsnahe" Tätigkeiten, sie sprechen zu den Menschen, verkünden etwas. Ärzte oder Krankenpfleger hingegen, führen in erster Linie andere Aufgaben aus. Ob also in Zukunft jemand Kirchenmitglied sein muss, um eine Stelle bei einem kirchlichen Arbeitgeber zu bekommen, müssen die deutschen Gerichte von nun an im Einzelfall prüfen.

Christian Althaus von der Essener Wirtschaftskanzlei Kümmerlein hält das EuGH-Urteil für sehr ausgewogen. Dem SPIEGEL sagte er: "Das Urteil erkennt das Selbstbestimmungsrecht der Kirchen an - aber nur, insoweit es einen Bezug zur Tätigkeit gibt." Die Kirchen dürfen also nicht mehr frei bestimmen, wen sie einstellen oder nicht. "Wenn die Kirchen etwa einen Gärtner engagieren, dann sollte es egal sein, ob er die gleiche Konfession wie sein Arbeitgeber hat oder ob er zum zweiten Mal verheiratet ist."

Für Buchhalter spielt die Konfession keine Rolle

In Zukunft könnten viele kirchliche Stellen nun mit Menschen besetzt werden, die eine andere Konfession haben als der Arbeitgeber - zum Beispiel auch in der Verwaltung. "Wenn jemand die Lohnabrechnung für Kirchenmitarbeiter macht, spielt die Konfession keine Rolle. Anders sieht es aus, wenn sich jemand um Kirchenaustritte kümmert und vielleicht bei ehemaligen Kirchenmitgliedern anrufen muss, um die Gründe zu erfragen", sagte Althaus.

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GOLFKRIEG  1987

So verlief die Seeschlacht zwischen Iran und USA

 

Weil der Iran begann, Öltransporte im Persischen Golf anzugreifen, entschloss sich US-Präsident Reagan zu einem begrenzten Vergeltungsschlag. Iranische Schiffe stellten sich der US Navy entgegen.

Von Johann Althaus

Vergeltung ist gefährlich: Sie kann leicht eskalieren. Dennoch ist es manchmal nötig, einem Aggressor entschieden entgegenzutreten. Zum Beispiel Mitte 1988 im Persischen Golf dem Iran.

Im Zuge des Golfkriegs zwischen dem von Saddam Hussein beherrschten Irak und dem radikal-schiitischen Iran attackierten beide Seiten Öltanker auf dem Weg von vor allem kuwaitischen Ölfeldern und jenen der Vereinigten Arabischen Emirate. Weil für die westliche Welt, vor allem für die USA der Nachschub an Rohöl essenziell war, schickte die US Navy Ende Juli 1987 Kriegsschiffe in den Persischen Golf , die durch ihre Präsenz vor weiteren Angriffen abschrecken sollten.

Bei Saddam Hussein klappte das, doch nicht bei den radikalen Mullahs, die das vormalige Persien 1979 in die Islamische Republik Iran verwandelt hatten: Sie ließen weiterhin Minen im Golf verlegen. Am 21. September 1987 brachten US-Spezialkräfte einen getarnten iranischen Minenleger auf, sicherten Beweise und versenkten das Schiff.

Ein gutes halbes Jahr später, am 14. April 1988, lief die Fregatte „USS Samuel B. Roberts“ auf eine Mine, die ein fünf Meter großes Loch in den Rumpf riss; 69 Seeleute wurden teilweise schwer verletzt. Taucher stellten anhand der Seriennummern fest, dass die Minen an dieser Stelle fortlaufend zu denen des iranischen Minenlegers waren und also von der iranischen Marine gelegt worden waren.

Damit musste das Weiße Haus, also Präsident Ronald Reagan , entscheiden, wie zu reagieren sei. Er entschied sich zu einem begrenzten Gegenschlag: Zwei Plattformen der staatlichen iranischen Ölagentur, „Sassan“ und „Sirri“, die beide nachweislich als Stützpunkte für iranische Angriffe auf Öltanker in internationalen Gewässern dienten, sollten zerstört werden. Gegen die iranische Marine hingegen sollte die US Navy nur zuschlagen, wenn sie angegriffen würde.

Nach kurzer Planung begann die „Operation Praying Mantis („Unternehmen Gottesanbeterin“), am 18. April 1988 bald nach 7.30 Uhr Ortszeit forderten Schiffe der US Navy die Besatzungen auf, ihre Plattformen zu verlassen, weil sie gleich beschossen würden. Doch statt das zu tun, eröffneten die Besatzungen mit Flugabwehrgeschützen das Feuer auf die US-Kriegsschiffe.

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SOZIALSTAAT

Die neue Armut macht vielen Deutschen Angst

 

Über Jahrzehnte glaubte die große Mehrheit der Bürger fest an die Stärke des hiesigen Sozialstaats. Doch nicht nur die plötzlich entbrannte Hartz-IV-Debatte zeigt, wie sehr das Vertrauen erodiert.

Von Dorothea Siems

Die Deutschen sehnen sich nach der Mittelschichtsgesellschaft zurück, die das Land über Jahrzehnte geprägt hatte. Mehr als 80 Prozent der Bürger bereitet die Kluft zwischen Arm und Reich große Sorgen, wie Umfragen zeigen.

Viele ärgern sich über die extrem hohen Boni und Abfindungen, die manche Konzernchefs heutzutage kassieren. Doch weit stärker treibt die Bevölkerung die bedrückende Misere der Menschen um, die am unteren Ende der Einkommensskala leben.

Es ist nicht nur Mitleid mit den Armen, was die Bürger spüren. Viele beschleichen auch Abstiegsängste und die Furcht, dass die eigenen Kinder es vielleicht nicht schaffen könnten, sich ein gutes Auskommen zu sichern. Und selbst diejenigen, die sich und ihre Angehörigen auf sicherem Boden wähnen, fühlen sich zumeist unwohl bei dem Gedanken an eine zunehmend gespaltene Gesellschaft.

Über Jahrzehnte glaubte die große Mehrheit der Deutschen fest an die Stärke des hiesigen Sozialstaats. Doch nicht nur die plötzlich entbrannte Hartz-IV-Debatte zeigt, wie das Vertrauen erodiert. Zumal Armut heute immer sichtbarer zutage tritt. In den Städten trifft man auf ein wachsendes Heer von Obdachlosen, die in Einkaufsstraßen und S-Bahnen um Almosen betteln und oftmals buchstäblich unter Brücken leben.

Auch die Berichte von den Tafeln , die dem wachsenden Andrang an Bedürftigen kaum mehr Herr werden, verstören die Bevölkerung. Für linke Parteien und Wohlfahrtsverbände sind diese Entwicklungen ein deutliches Zeichen, dass der deutsche Sozialstaat kräftig ausgebaut werden muss, weil die Hartz-IV-Sätze völlig unzureichend und die Reformen der Agenda 2010 ein großer Irrtum gewesen seien.

Doch liegt hier ein Trugschluss vor. Von einem Kaputtsparen des Sozialstaats kann überhaupt keine Rede sein. Im Gegenteil: Die Ausgaben für Soziales steigen stetig stärker als die Wirtschaftsleistung. Falsch ist auch die ständig wiederholte These, dass hierzulande die Armen ohne Aufstiegschancen sind. Binnen der letzten fünf Jahre hat eine Million Menschen den Sprung aus Hartz IV geschafft. Auch die Zahl der Langzeitarbeitslosen ist erheblich geschrumpft.

Flüchtlinge und Migranten aus Osteuropa

Der Grund, warum trotz jahrelangen Konjunkturaufschwungs und sinkender Arbeitslosigkeit die sozialen Probleme nicht weniger werden, liegt in dem starken Zuzug von hilfsbedürftigen Menschen. Mehr als ein Drittel der Hartz-IV-Bezieher sind mittlerweile Ausländer, wobei die Syrer inzwischen die größte Gruppe bilden. Und die Quote wird weiter steigen, weil in nächster Zeit immer mehr Flüchtlinge aus dem Asylbewerberleistungssystem in die Grundsicherung gelangen.

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KATHOLISCHE  KIRCHE  IN  DEUTSCHLAND

Es geht gegen Papst Franziskus

 

Wie bayerische Bischöfe und ein Amtsbruder in Sachsen unter der Leitung des Kardinals von Köln einen Spaltkeil in die Kirche treiben - Ein katholischer Blick auf jüngste Entwicklungen.

Von Peter Bürger

Im Februar dieses Jahres hatte die Deutsche Bischofskonferenz mit Zweidrittelmehrheit den Entwurf einer Pastoralen Handreichung beschlossen, die einen kleinen Schritt auf dem Weg zu mehr ökumenischer Gemeinschaft unter Christen befördert: Konfessionsverbindende Ehepaare sollen unter bestimmten Voraussetzungen gemeinsam die Kommunion empfangen können.

Dies geschieht schon seit Langem in zahllosen Gemeinden - nicht nur in Deutschland. Bei einer Befragung aller Getauften würde eine Mehrheitsentscheidung für das bescheidene Zeichen wohl noch viel deutlicher ausfallen als in der Bischofskonferenz.

Außenstehende können allerdings kaum nachvollziehen, dass um solche Ausnahmeregelungen immer noch so viel Aufhebens gemacht wird. Die römisch-katholische Weltkirche versteht sich als Dienerin an der Einheit der Menschheit, wobei Bischof Franziskus von Rom mit Blick auf die drängenden Zivilisationsfragen die Gemeinschaft in Verschiedenheit dick unterstreicht.

Wie aber sollte dieser Kirche eine solche Fähigkeit des Gemeinschaftsdienstes an der gesamten menschlichen Zivilisation zugetraut werden, wenn in ihren Räumen selbst so nahe Verwandte wie etwa lutherische Mitchristen beim "Sakrament der Liebe" exkommuniziert werden?

Die Bischöfe Rainer Maria Kardinal Woelki (Köln), Ludwig Schick (Bamberg), Konrad Zdarsa (Augsburg), Gregor Maria Hanke (Eichstätt), Wolfgang Ipolt (Görlitz), Rudolf Voderholzer (Regensburg) und Stefan Oster (Passau) tragen den DBK-Beschluss nicht mit.

Sie haben in der letzten Woche einen Brief nach Rom geschickt. Der Glaubenspräfekt und der "Ökumene-Minister" sollen dort prüfen, ob der von ihren Mitbrüdern hierzulande vereinbarte Weg noch richtig "katholisch" ist.

Nachträglich bekam auch DBK-Vorsitzender Reinhard Marx das Protestschreiben nach München übersandt. Der Kirchenrechtler Prof. Thomas Schüller hat dazu eine scharfe Bewertung abgegeben: „Dieses Vorgehen ist stillos und in der Geschichte der Bischofskonferenz einzigartig“.

Aus immer mehr Bistümern kommen Wortmeldungen, die ein ähnlich großes Befremden zum Ausdruck bringen. In Kommentaren wird ein Bruch in der Bischofskonferenz wie zu den streitbarsten Zeiten von Kardinal Joachim Meisner (1933-2017) konstatiert. Kardinal Rainer Woelki will aber im Nachhinein ganz erstaunt sein über die ganze Aufregung, die sein Schreiben ausgelöst hat.

Der Bamberger Erzbischof Ludwig Schick teilt sogar mit, seine Unterschrift bedeute keine Verweigerung gegenüber dem Anliegen der neuen Handreichung zur Kommunionfeier. (Das ist eine wirklich neue Note!)

Oberflächlich sieht es so aus, als stelle sich eine Minderheit unter "Leitung" des Kölner Kardinals gegen eine imponierende Mehrheit unter Einschluss des Kardinals von München, welcher der Bischofskonferenz als Vorsitzender dient. Wer einmal ein Konveniat von Klerikern miterlebt hat, kann sich gut vorstellen, dass es auch um persönliche Befindlichkeiten, Animositäten und Machtspielchen geht.

Zudem sind ja auch Bischöfe - wie wir alle - nicht vor der Versuchung gefeit, sich angesichts großer Brandherde auf dem Globus vor allem dem "Kleinen und Kleinlichen" zuzuwenden.

Der Sache nach handelt es sich jedoch um eine Attacke gegen den Bischof von Rom, was eigentlich keinem Unterzeichner des Brandbriefes entgangen sein kann. Denn bei seinem Besuch in der evangelisch-lutherischen Gemeinde Roms am 15. November 2015 hat Franziskus deutlich zu erkennen gegeben, dass er das Anliegen der großen Mehrheit der Deutschen Bischofskonferenz teilt.

Lesen Sie hier den Beitrag aus TELEPOLIS Online vom 14. 04. 2018 zu Ende.

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KUBITSCHEK & CO.

Europas Netz der Neuen Rechten

 

Sie warnen vor „Bevölkerungsaustausch“, fordern eine „Umkehr der Migration“ – und möchten die Ethnien der Welt gerne voneinander trennen: Die Neuen Rechten. Sie selbst sind europaweit eng verwoben. Ein Überblick über die führenden Köpfe und Bewegungen.

Von Alina Leimbach, Klaus Geiger

Das Ticket kostet 49 Dollar. Dafür gibt es mittags Gratisbüfett. Wenn sich Europas Identitäre an diesem Samstag in London treffen, ist das wohl organisiert. Man will unter sich bleiben, als Ort der Tagung wird nur „Großraum London“ angegeben. Zugang hat nur, wer sich einem Social-Media-Profilcheck unterzieht – und sich als Mitglied einer relevanten Gruppe ausweist. Gastgeber des Treffens ist die Generation Identity, der englische Ableger der Identitären Bewegung .

Die Identitären sind ein Teil dessen, was unter dem Schlagwort „Neue Rechte“ in Europa für Aufsehen sorgt. Die Themen reichen von konservativ – Stichworte Familie und Heimat – bis zu antidemokratischem und antiliberalem Gedankengut. Im Zentrum steht die Migrationspolitik . Die Neue Rechte warnt vor einem „großen Bevölkerungsaustausch“ und fordert eine „Umkehr der Migrationsströme“. Das Ideal ist der sogenannte Ethnopluralismus. Der Begriff bedeutet: Die Vielheit der Völker ist gut, aber jede Ethnie soll in ihrer Weltregion bleiben. Kritiker sprechen von Rassismus im neuen Gewand.

Die Identitäre Bewegung ist ein wachsender Teil der Neuen Rechten. Im Kern aber verbreiten sich die Ideen der Bewegung über eigene Medien, Verlage, Vordenker. Oft sind die personellen und inhaltlichen Grenzen zu rechtsnationalistischen Parteien fließend. In Großbritannien ist die Identitäre Bewegung noch nicht mal ein Jahr alt – und noch recht klein. Aber die inzwischen schon aktivste rechtsextreme Gruppe auf der Insel will beim Treffen am Samstag von anderen Aktivisten in Europa lernen. Denn die neurechten Gruppen sind europäisch eng vernetzt.

Frankreich

Wer die Ursprünge der Neuen Rechten verstehen will, muss nach Frankreich blicken. Parallel zur Studentenrevolte gründete sich dort 1968 der rechte Theoriezirkel GRECE. Der Kopf der Gruppe war Alain de Benoist – bis heute ein Impulsgeber für die gesamte Neue Rechte. Auf ihn geht unter anderem das Konzept des Ethnopluralismus zurück. Auch die Abgrenzung vom Nationalsozialismus ist eine Kernidee der Neuen Rechten, die de Benoist früh propagiert hat. Zugleich forderte er schon früh, die sozialen Themen der Linken zu besetzen.

Die Ideen von de Benoist sind Grundlage für die aktivistischen neurechten Gruppen von heute: für Les Identitaires sowie deren Jugendorganisation Génération Identitaire (GI). Die GI hat europaweiten Einfluss. Von ihr stammen das einheitliche Designkonzept, das auch in Deutschland verwendet wird – das gelbe Banner mit schwarzer Schrift und das griechische Lambda-Symbol –, sowie Aktionsformen wie Flashmobs oder das Besetzen symbolträchtiger Orte.

Vor allem begannen die französischen Aktivisten damit, ihre Aktionen in Videos festzuhalten, schnell geschnitten und pathetisch. Lange ein wichtiger Impulsgeber für andere Identitäre in Europa spielen die Franzosen heute eine kleinere Rolle. Der Front National (FN) von Marine Le Pen nahm den Bloc Identitaire lange Zeit als Rivalen im rechten Milieu wahr. Heute sind sowohl die Identitären als auch der FN vor allem mit den eigenen Krisen beschäftigt.

Italien

Am 21. Dezember 2003 besetzten rechte Aktivisten ein Haus im Herzen Roms. Sie nannten es nach dem Schriftsteller Ezra Pound, der in einigen Werken offen vom Mussolini-Regime schwärmte, Casa Pound. Damit war nicht nur der Name der wohl einflussreichsten neurechten Bewegung Italiens geboren. Mit der Hausbesetzung erprobten die Casa-Pound-Akteure öffentlichkeitswirksam eine Strategie aus dem linken Milieu. Eine Blaupause, an der sich Neurechte aus anderen Ländern, auch in Deutschland, bald zu orientieren begannen.

Lesen Sie hier den Beitrag aus WELTplus Online vom 14. 04. 2018 zu Ende.

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POLITISCHE  WERBUNG

Wahlkampf mit Brandbeschleuniger

 

Im US-Wahlkampf haben Politiker die Techniken der modernen Werbeindustrie missbraucht. In Deutschland dürfen wir das nicht zulassen. Die Parteien sollten sich jetzt selbst klare Regeln für ihre Werbung im Netz geben.

Ein Gastbeitrag von Sebastian Rieger und Ben Scott

US-Wahlkampf 3

Satan ist Team Clinton: Original-Werbung aus dem US-Wahlkampf

Die USA haben den digitalen Wahlkampf erfunden und damit auch immer deutsche Wahlkämpfe geprägt. Bisher galt die Regel: Setzen US-Präsidentschaftskandidaten innovative Methoden ein, übernehmen deutsche Wahlkämpfer diese - mehr oder weniger - ein paar Jahre später. 2008 begann Barack Obama das Internet zu nutzen, um mit Menschen direkt in Kontakt zu kommen, um Wähler zu mobilisieren und um Geld zu sammeln. Die zweite Generation digitaler Wahlkämpfer entdeckte die Möglichkeiten von "Big Data", um Wählerverhalten vorherzusagen und um zu entscheiden, bei welchen Menschen sich ein Telefonanruf oder ein Hausbesuch statistisch besonders lohnt. 2016 übernahm die dritte Generation. Sie setzte erstmals im großen Stil auf die Plattformen und Technologien der digitalen Werbeindustrie, um Daten über das Verhalten von Menschen zu sammeln und um zu versuchen, sie mit maßgeschneiderten Botschaften zu beeinflussen. 2016 investierten alle Kandidaten zusammen 1,4 Milliarden US-Dollar in die digitale Marketing-Branche.

Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis in Deutschland etablierte Parteien oder politische Outsider beginnen, auch diesen Trend aufzugreifen. Allerdings sollten wir Bürger uns sehr genau überlegen, ob wir das akzeptieren und uneingeschränkt zulassen wollen. Denn in den USA zeigt sich aktuell immer deutlicher, dass die digitale Marketing-Maschinerie missbraucht werden kann, um gegen politische Gegner oder ganze Bevölkerungsgruppen zu hetzen und sie zu diffamieren. Gleichzeitig besitzt sie das Potenzial, einen polarisierten Wahlkampf noch extremer und emotionaler zu machen. Wie stark sich dies auf Wähler und politische Debatten auswirkt, wissen wir noch nicht. Allerdings können wir nicht ignorieren, welche enormen Summen die Politik hier investiert.

Menschen in Gruppen einteilen und dann mit Botschaften bombardieren

Die Logik des Wahlkampfs mit den Mitteln des digitalen Marketings ist immer die gleiche: Gesammelt werden möglichst viele Daten über das Verhalten eines Menschen im Netz, idealerweise über eine möglichst große Anzahl von Internetseiten und Geräte hinweg. Diese Daten dienen dazu, Menschen in Gruppen von Gleichdenkenden einzuteilen, um sie mit Botschaften zu bombardieren, die in dieser Gruppe besonders starke Reaktionen auslösen. Der Skandal um Cambridge Analytica hat diese Logik an die Öffentlichkeit gebracht. Das Unternehmen saugte die Daten von 87 Millionen Facebook-Nutzern ab, um einen Kandidaten im Wahlkampf zu bewerben und gegnerische Kandidaten anzugreifen.

Lesen Sie hier den Beitrag aus SPIEGEL Online vom 13. 04. 2018 zu Ende.

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STUDIE

Schon kleine Mengen Alkohol verkürzen das Leben

 

Ein Glas Wein am Tag schadet nicht - heißt es. Doch laut einer aktuellen Studie sind schon geringe Mengen Alkohol schädlich und verkürzen die Lebenszeit. Auch die deutschen Richtwerte sollten demnach überprüft werden.

Die Richtwerte für den Konsum von Alkohol sind in vielen Ländern einer Untersuchung zufolge zu hoch - auch in Deutschland. Eine große Übersichtsstudie zeigt, dass der Konsum von mehr als 100 Gramm reinem Alkohol pro Woche - das entspricht etwa 2,5 Litern Bier oder etwa einem Liter Wein - die Lebenserwartung verkürzt und das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen steigert. Das berichtet ein internationales Forscherteam, an dem auch viele deutsche Wissenschaftler beteiligt waren, im Fachblatt "The Lancet".

In Deutschland gelten nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Ernährung 140 Gramm für Männer und 70 Gramm für Frauen als tolerierbar. Laut "Jahrbuch Sucht" konsumieren Bundesbürger über 15 Jahre im Schnitt 10,7 Liter reinen Alkohol im Jahr - in Form von knapp 134 Litern alkoholischer Getränke. Das entspricht rund 165 Gramm pro Woche.

Das Forscherteam analysierte jetzt 83 Studien aus 19 wohlhabenden Ländern - und damit Daten von knapp 600.000 Menschen. Abstinenzler waren dabei ausgeschlossen. Die Studien erfassten die Menge des Alkoholkonsums und beobachteten die Teilnehmer mindestens ein Jahr lang. Bei der Datenanalyse berücksichtigten die Autoren Alter, Geschlecht, Tabakgebrauch, Diabetes und viele andere Faktoren, die mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Zusammenhang stehen.

Verkürzte Lebenszeit

Das wichtigste Ergebnis: Ab einer Menge von 100 Gramm pro Woche verkürzte Alkohol bei Männern wie bei Frauen die Lebenserwartung, und zwar wie folgt:

Für 40-Jährige sinkt demnach die Lebenserwartung, im Vergleich zu Gleichaltrigen, die weniger als 100 Gramm Alkohol in der Woche zu sich nehmen,

Etwa die Hälfte der Studienteilnehmer trank mehr als 100 Gramm Alkohol pro Woche, rund acht Prozent sogar mehr als 350 Gramm.

Lesen Sie hier den Beitrag aus SPIEGEL Online vom 13. 04. 2018 zu Ende.

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FACEBOOK-VIDEO  SORGT  FÜR  EMPÖRUNG

Kinder marschieren mit Waffen und in Militärkleidung in Herforder Moschee

 

Kinder marschieren in Militäruniform und mit Waffen, im Hintergrund spielt das Wahlkampflied des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Ein Facebook-Video aus einer Moschee in Herford sorgt derzeit für Wirbel.

Der Herforder CSU-Chef Tim Ostermann zeigte sich entsetzt über die Aufführung, die am 18. März, einem türkischen Feiertag (Tag der Gefallenen), in einer Herforder Ditib-Moschee stattfand. Dem "Westfalen-Blatt" sagte er: "Wenn da erwachsene Männer in Uniform stünden, fände ich das auch nicht toll, das wäre aber etwas anderes – hier geht es jedoch um Kinder." Das Video sei keineswegs integrationsfördernd, sondern der Integration abträglich.

Wie die "Bild"-Zeitung berichtet, soll im Hintergrund der Song "Dombra" spielen. Es soll sich dabei um das Wahlkampflied des türkischen Präsidenten handeln.

Ostermann hat das Video laut dem "Westfalen-Blatt" an den Staatsschutz in Bielefeld weitergeleitet haben. Jedoch gehe er nicht davon aus, dass die Beteiligten eine Straftat begangen hätten.

Auch der Chef des Bielefelder Integrationsrates, Mehmet Ali Ölmez, zeigte sich fassungslos. "Das ist mehr als grenzwertig", sagte er der Zeitung.

"Wir bedauern den Vorfall"

Die Gemeinde reagierte mittlerweile auf die Kritik und löschte das Video auf Facebook. "Wir bedauern diesen Vorfall und werden dafür Sorge tragen, dass sich so was nicht wiederholt", sagte Necati Aydin, Vorstandsmitglied der Herforder Ditib-Moschee, der Zeitung. Das Gemeindemitglied, dass für die Aufführung zuständig gewesen sei, sei krank geworden. Ein anders Mitglied hätte kurzfristig übernommen - nur seien dann die übliche Qualitätskontrolle entfallen. Die Aufführung entspreche nicht ihrer Zustimmung.

Lesen Sie hier den Beitrag aus FOCUS Online vom 12. 04. 2018 zu Ende.

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LEVERKUSEN

Türkei forderte Entfernung von Anti-Erdogan-Graffiti

 

Das türkische Generalkonsulat wendet sich wegen eines Anti-Erdogan-Graffiti schriftlich an die Stadt Leverkusen. NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) irritiert das. Zudem kommt die Beschwerde relativ spät.

Die Türkei verfolgt nicht nur die innenpolitischen Entwicklungen in Deutschland, sondern beobachtet offenbar auch vergleichsweise kleinere Sachverhalte ziemlich genau – wie zum Beispiel beleidigende Schmierereien an Wänden.

Denn wie die „Rheinische Post“ berichtet, hat das türkische Generalkonsulat die Stadt Leverkusen aufgefordert, Graffiti an der Bundesstraße 8 zu entfernen, die den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan diffamieren.

In einem Brief, der an den Chef der Technischen Betriebe der Stadt Leverkusen (TBL) adressiert ist, prangert das Konsulat die Beleidigungen an. Man „erwarte“, dass diese schnellstmöglich entfernt werden, schreibt Vizekonsul Özkan Özcan. Das Schreiben war bereits vor einigen Wochen bei der Stadt eingegangen. TBL-Chef sagte: „So etwas habe ich bisher noch nie erhalten.“

„Hurensohn Erdogan“ schon entfernt, als die Beschwerde einging

In der Unterführung im Stadtteil Küppersteg hatten Unbekannte den Schriftzug „Hurensohn Erdogan“ auf eine Wand gesprüht. Als der Brief des Konsulats einging, hatte die Stadt Leverkusen die Schmierereien bereits entfernt.

Lesen Sie hier den Beitrag aus WELT Online vom 12. 04. 2018 zu Ende.

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ERNÄHRUNG

Vegetarisch wird das neue Normal

 

Die Zeiten, in den Vegetarier und Veganer als Außenseiter galten, sind vorbei. Ganz Deutschland reduziert seinen Fleischkonsum – getrieben von einer Klientel, die das neue Ernährungsideal besonders effektiv in die Gesellschaft trägt.

Von Michael Gassmann

Noch sind sie eine Minderheit: echte Veganer, die sich ausschließlich von pflanzlichen Produkten ernähren. Doch sie sind der harte Kern einer gesellschaftlichen Bewegung, die in Deutschland wächst. Zunehmend stellen die Verbraucher die Nutzung tierischer Produkte infrage.

Ihre Haltungen reichen von Dogmatikern, die nicht einmal Seidenschals tragen, weil Seide ein tierisches Produkt ist, bis zu Menschen mit klugen Vorbildern wie Albert Einstein. Ihm wird die Äußerung zugeschrieben, eine vegetarische Lebensweise trage „durch ihre rein physikalische Wirkung auf das menschliche Temperament zum Wohle der gesamten Menschheit bei“, während gleichzeitig Würstchen mit Linsensuppe eines seiner Lieblingsgerichte gewesen sein soll.

Marktforscher würden den Physik-Superstar heute der Kategorie „Flexitarier“ zuordnen, flexible Vegetarier also. Menschen, die je nach Situation und Laune ganz oder doch fast völlig auf Fleisch verzichten, aber aus ihren Ernährungsüberlegungen nicht gleich ein Glaubensbekenntnis ableiten.

Umsatz von Veggie-Produkten übersteigt eine Milliarde

Die Skala der Kritiker von Schnitzel, Keule und Nackenstück mag vom dogmatischen Veganer bis zum Flexitarier reichen – allen gemeinsam ist, dass sie zum Aufschwung von Soja-Bällchen, Bio-Tofu und Vital-Bratlingen beitragen. Im laufenden Jahr dürften die Umsätze von Veggie-Produkten in Deutschland erstmals die Marke von einer Milliarde Euro übersteigen.

Dies zeigen Zahlen der Nielsen-Marktbeobachtung, die WELT exklusiv vorliegen. Danach erreichte der Umsatz mit veganen und vegetarischen Lebensmitteln in den zwölf Monaten bis Ende Februar 2018 in Deutschland 959,8 Millionen Euro, ein Plus von 30,4 Prozent gegenüber demselben Zeitraum des Vorjahres. Erfasst sind dabei nur die Ausgaben für abgepackte Ware im Lebensmittelhandel und in Drogeriemärkten.

Das schnelle Umsatzwachstum dieser Fleischersatz-Produkte zeigt, wie sehr das Interesse an vegetarischer Ernährung insgesamt zunimmt.

Dabei bestehen innerhalb der Bundesrepublik gewaltige regionale Unterschiede, was die Ausgabebereitschaft für fleischfreie Ernährung angeht. So gab im vergangenen Jahr jeder Hamburger rechnerisch mit 12,69 Euro mehr als doppelt so viel für Veggie-Produkte aus wie ein durchschnittlicher Einwohner von Mecklenburg-Vorpommern, der sich Fleischersatz und andere als vegan oder vegetarisch ausgezeichnete Produkte gerade einmal 6,07 Euro kosten ließ.

Der Absatz floriert vor allem in städtischen Regionen

Für sich genommen erscheinen diese Beträge gering. Doch muss man davon ausgehen, dass überwiegend nur eine kleine Bevölkerungsgruppe, nämlich die zehn Prozent Vegetarier und Veganer , zu diesen Produkten greift. Schreibt man die jährlichen Ausgaben nur den Vegetariern zu, verzehnfacht sich der Betrag beispielsweise in Hamburg auf 127 Euro pro Kopf.

Nielsen hat das Bundesgebiet in 36 Mikro-Regionen aufgegliedert, um regionalen Trends besser auf die Spur zu kommen. Generell floriert demzufolge der Absatz eher in städtischen Regionen mit einem vergleichsweise hohen Anteil gut verdienender Berufstätiger.

In Freiburg liegen die Durchschnittsausgaben für Veggie-Ware bei jährlich gut elf Euro pro Kopf, in Berlin bei 10,56 Euro. Am unteren Ende rangieren neben dem Nordosten auch die räumlich ausgedehnten Regierungsbezirke Arnsberg (6,72 Euro) und Münster (6,80 Euro).

Veganer sind ebenso umstritten wie faszinierend

„Zwei Gruppen neigen dem Vegetarismus und Veganismus besonders zu. Wir nennen sie die Trendigen und die Gewissensentscheider“, so Birgit Czinkota, Expertin für Bewusste Ernährung bei Nielsen Deutschland. Das Etikett der „Trendigen“ verpassen die Marktforscher Menschen, die mit ihrem Konsum auch Freunde und Bekannte beeindrucken möchten. Sie orientieren sich stark daran, was in Gesprächen, Zeitschriftenartikeln oder im Internet als „angesagt“ gilt, und achten sehr auf Marken.

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ISLAMWISSENSCHAFTLER

"Kopftuch bei Achtjähriger suggeriert, dass sie ein sexuelles Objekt ist"

 

Die Regierung in NRW prüft ein Kopftuchverbot für Mädchen unter 14 Jahren. Ein Islamwissenschaftler schaltet sich in die Debatte ein. Väter verstünden es, ihre Töchter „subtil zu beeinflussen“.

Kaum ein muslimisches Mädchen unter 14 Jahren trägt nach Ansicht des Islamwissenschaftlers Mouhanad Khorchide aus eigener Motivation ein Kopftuch. „In den meisten Fällen beeinflusst der Vater das Mädchen subtil dazu, Kopftuch zu tragen“, sagte der Leiter des Zentrums für Islamische Theologie der Universität Münster. „Wir befinden uns in einer grauen Zone, in der weder von Freiwilligkeit noch von Unfreiwilligkeit gesprochen werden kann.“ Weigere das Mädchen sich, versuchten manche Väter sogar, ihre Tochter emotional zu erpressen, indem sie erklärten, dass Gott Mädchen ohne Kopftuch bestrafe.

Khorchide betonte, dass ein gesetzliches Verbot, wie es in Österreich eingeführt werden soll und in Nordrhein-Westfalen geprüft wird, eine große Hilfe für diejenigen muslimischen Mädchen sei, die sich nur schwer gegen ihre Väter durchsetzen könnten. Er fügte hinzu, dass er Verbote im Normalfall ablehne, es hier aber um den Schutz von Kindern gehe. Mit Einführung eines Kopftuchverbots könnten sich die unter 14-jährigen Schülerinnen auf ein Gesetz berufen.

In den vergangenen zwölf Jahren haben sich nach Angaben Khorchides mehrere Schulleiter hilfesuchend an ihn gewandt. Die Rektoren hätten geschildert, dass die jungen Schülerinnen spontan zwar sagten, dass sie das Kopftuch freiwillig tragen. In Abwesenheit der Eltern jedoch gäben sie zu, dass ihr Vater ihnen „böse“ sei, wenn sie das Kopftuch ablehnten.

Zudem verliere das Kopftuch bei minderjährigen Mädchen seine behauptete Funktion, sagte der Islamwissenschaftler. Viele muslimische Frauen wollten mit dem Kopftuch ihre weiblichen Reize verdecken. „Ein Kopftuch bei einem achtjährigen Mädchen suggeriert in dem Fall auch, dass sie ein sexuelles Objekt ist“, sagte Khorchide.

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"MACHT  ALLES  SCHLIMMER"

Obdachloser sagt, warum Hartz IV eine Gefahr für uns alle ist

 

Richard Brox lebt seit 30 Jahren auf der Straße. Dort hat er eine ganz spezielle Sicht auf die Gesellschaft in Deutschland gewonnen - ganz besonders auf Hartz IV. Was aus seiner Sicht schief läuft und wie es besser werden kann, erklärt er im Interview mit FOCUS Online.

Von FOCUS-Online-Redakteur Melchior Poppe

FOCUS Online: Herr Brox, sie leben seit 30 Jahren auf der Straße. In Ihrem Buch beschreiben Sie, wie der Staat Sie im Alter von 21 Jahren auf die Straße gesetzt hat. Seither leben Sie gewissermaßen außerhalb der Gesellschaft. Staatliche Hilfe lehnen Sie ab. Bekommen Sie denn selbst Hartz IV?

Richard Brox: Nein, ich beziehe keinerlei staatliche Leistungen. Ich lebe vom Leergutsammeln und von Spenden, die die Menschen mir freiwillig geben. Das sind neben Bargeld vor allem Gutscheine, Lebensmittel oder Kleidung.

FOCUS Online: Warum lehnen Sie Hartz IV ab?

Richard Brox: Ganz einfach: Weil Hartz IV niemandem hilft. Hartz IV hat unsere Gesellschaft in eine Neid-Gesellschaft verwandelt.

FOCUS Online: Das klingt paradox. Hartz IV soll doch jenen die Existenz sichern, die es aus eigenen Stücken nicht schaffen. Erklären Sie das bitte genauer.

Brox: Die heutige Gesellschaft zeichnet sich zunehmend durch Respektlosigkeit aus. Viele Menschen fühlen sich schlecht behandelt und in ihrer Würde angegriffen. Ihre Wut richtet sich nicht nur gegen Minderheiten. Selbst Ärzte, Sanitäter, Feuerwehrmänner, alle diese Helfer in unserer Gesellschaft, werden angefeindet. Denken Sie an die Gaffer, die bei Unfällen die Rettungskräfte nicht nur behindern, sondern auch noch beschimpfen. Hass, Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit – all das hat sich seit 2004 verschlimmert, obwohl es uns gesamtwirtschaftlich so gut geht wie lange nicht mehr. Damals wurden die Hartz IV-Reformen eingeführt.

„Hartz IV ist nicht die Lösung des Problems, sondern die Ursache“

FOCUS Online: Ist das wirklich die Erklärung?

Brox: Aus der Sicht eines Obdachlosen ist das keine Überraschung: Diese Welle schwappt von unten nach oben durch die ganze Gesellschaft. Wir unten haben es als erste zu spüren bekommen – und spüren es nach wie vor am stärksten. Aber auch viele, die vorher nicht betroffen waren, stellen jetzt fest, dass immer weniger Leute da sind, die helfen wollen. Kein Wunder. Hartz IV ist nicht die Lösung des Problems, sondern die Ursache dieser Zustände.

FOCUS Online: Warum glauben Sie das?

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SABBAT

Die Firma, die Gott austrickst

 

Am Sabbat dürfen keine elektronischen Geräte bedient werden. Gläubige Juden machen das Handy aus, das Licht nicht an. Eigentlich. Eine Firma in Israel biegt die Regeln, bis der Strom wieder fließt.

Von Christine Kensche

Wenn Daniel Düsentrieb und ein Messi zusammenleben würden, sähe ihre Wohnung wahrscheinlich so aus wie das Zomet-Institut. Man hatte ein hochmodernes Technologiezentrum erwartet, schließlich ist die Firma in der Nähe von Jerusalem weithin bekannt und gefragt. Stattdessen läuft man jetzt durch enge, vollgestellte Räume, Werkbänke verschwinden unter Kabelsalat, dazwischen Messgeräte, Schrauben, traurige Büropflanzen. Ein Mitarbeiter lötet gerade Drähte in einem Lautsprecher zusammen. Eine Synagoge habe den eingeschickt, erklärt er. Die Gemeinde habe schwerhörige Mitglieder, die dem Rabbi nicht mehr folgen könnten, deswegen habe sie Mikrofon und Verstärker angeschafft.

Das Problem: Am Sabbat dürfen gläubige Juden keine elektrischen Geräte einschalten. Aber das Zomet-Institut gilt nicht umsonst als die Firma, die Gott austrickst. Natürlich hat man auch hierfür eine Lösung gefunden. „Ich baue eine Zeitschaltuhr ein.“ Der Mitarbeiter lächelt. Nun kann der Rabbi vor dem Sabbat die Zeit seiner Predigt eingeben und der Lautsprecher wird anspringen, ohne, dass sich jemand dafür versündigen müsste.

Das Zomet-Institut ist eine Art israelisches Pendant zur Stiftung Warentest, nur dass es neue Produkte nicht auf Verbraucherfreundlichkeit testet, sondern darauf, ob sie glaubenskompatibel sind. Die jüdischen Schriften verzweigen sich in ein komplexes Regelgeflecht; allein die Thora umfasst 613 Gebote und Verbote, die seit Jahrtausenden verschiedentlich interpretiert und überliefert werden. Manch einer verliert da schon mal den Überblick.

Klar ist, dass der Sabbat freitags bei Sonnenuntergang beginnt und samstags bei Sonnenuntergang endet. Es ist der Tag, an dem die Familien zusammenkommen, sich von der Außenwelt ab- und einander zuwenden. In diesen 24 Stunden steht Israel still. Öffentliche Verkehrsmittel fahren nicht, in vielen Orten sind die Supermärkte zu, Restaurants geschlossen. Kürzlich reichte der ultraorthodoxe Gesundheitsminister aus Protest seinen Rücktritt ein, weil die Bahn samstags Reparaturen erledigen wollte, um den wochentäglichen Passagierverkehr nicht zu stören.

Den Ruhetag nehmen viele Juden sehr ernst. Wer ihn einhält, muss die Finger vom Handy lassen, darf nicht Aufzug fahren, das Licht nicht anmachen. Manche sagen sogar, man dürfe kein Toilettenpapier abreißen, denn schon das sei im engsten Sinne eine Tätigkeit. Am Sabbat dürfen keine „schöpferischen Arbeiten“ verrichtet werden – zu den 39 Verboten, die der Talmud aufführt, zählen etwa Pflügen, Gerben, Feuermachen. Doch wie diese Regeln aus dem Altertum in der modernen Welt anzuwenden sind, wird von verschiedenen Rabbis unterschiedlich interpretiert.

Entsprechend beliebt ist die Rubrik „Frag Zomet“ auf der Homepage des Instituts. Ein Pärchen auf Wochenendtrip in Prag will etwa wissen, wie es sein Hotelzimmer betreten soll. Man habe ihnen statt Schlüssel eine Magnetkarte gegeben, die nicht nur die Tür öffnet, sondern automatisch auch Licht und Klimaanlage einschaltet.

Der Rat: Sie sollten das Schloss mit Klebeband präparieren, sodass die Tür immer ein Stück offensteht, und ihre Wertsachen im Safe deponieren.

Für die glaubensrechtlichen Fragen sind bei Zomet zwei Rabbis zuständig, für die Produkte 20 Ingenieure. Auf dem Schreibtisch von Dan Maras beschwert ein Rasierer einen Papierstapel, das Gerät hat er kürzlich getestet. „Benutzung unbedenklich“, lautet das Urteil des geschäftsführenden Direktors. Der Rasierer ist koscher.

„Du sollst nicht ‚zerstören‘ die Ecken deines Bartes“, heißt es in der Thora. Die Rabbis folgern daraus, dass das Benutzen eines Messers oder einer Rasierklinge, die die Haare an der Wurzel „zerstört“, verboten ist. Scheren dürfen gläubige Juden hingegen verwenden. Demnach sind elektrische Rasierer, die statt Klingen einen Scherenmechanismus haben, religionstechnisch unbedenklich, sagt Maras.

Er schmunzelt in seinen Bart. Aber das Wort „austricksen“ hört er nicht gern, da wird er ernst. Er wisse wohl um diesen Ruf seines Instituts, sagt Dan Maras. Doch der sei irreführend. „Niemand kann Gott austricksen. Gott ist allwissend.“ Also habe Gott, als er die Welt schuf, bereits gewusst, dass die Menschen einmal den Strom entdecken würden. Und dass eines Tages im Heiligen Land eine Firma gegründet würde, die dabei hilft, seine Gesetze auch im neuen technischen Zeitalter zu befolgen.

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DER  FALL  ERREGTE  DEUTSCHLANDWEIT  AUFSEHEN

Mirco wurde brutal ermordet – seine Mutter sagt: „Ich habe dem Mörder verziehen"

 

Sie hat Unfassbares erlebt und fühlt trotzdem keinen Hass: Sandra Schlitters Sohn wurde ermordet. Hier erzählt die 41-jährige Mutter, gelernte Arzthelferin und Erziehungsberaterin aus Grefrath, wie sie es schaffte, dem Täter zu vergeben - und warum sie findet, dass er selbst am meisten leidet.

Von FOCUS-Online-Autorin Elisabeth Hussendörfer

Es war drei Jahre nach Mircos Tod, ich kam gerade mit meinem Ältesten, der eine Knie-Behandlung gehabt hatte, aus dem Ärztehaus. Vor einem Kiosk stand ein Aufsteller mit der Titelseite einer Boulevard-Zeitung. Das ist doch Mirco, sagte mein Sohn. Tatsächlich. Sein Mörder hätte im Gefängnis einen Herzinfarkt erlitten, stand da.

Viele Leute waren schnell mit Kommentaren dabei: „Dass so einer noch ärztliche Hilfe bekommt! Hätten sie den doch bloß krepieren lassen.“ Ja, dieser Mann hat unseren damals zehnjährigen Sohn entführt, missbraucht und getötet, sagte ich. Ja, er hat uns schreckliches Leid angetan. Aber leidet er nicht selbst am meisten?

Wer auch immer du bist, bring uns unser Kind zurück

Schon während der 144 Tage, die Mirco damals vor sechs Jahren gesucht wurde, gab es diese Frage. Unerträglich war es gewesen, die Polizisten arbeiten zu lassen und dabei selbst untätig zu sein. Wir haben uns dann jeden Abend mit einem etwa zwanzigköpfigen Gebetskreis getroffen: mit unseren Eltern, Geschwistern, deren Kindern. Wie sollten wir damit umgehen, als nach und nach Dinge von Mirco gefunden wurden, erst seine Schuhe, später seine Unterhose? Friert er? Hat er Wechselwäsche? So denkt man. Und bittet: Wer auch immer du bist, bring uns unser Kind zurück.

Aber man denkt auch weiter: Was wäre, wenn es wirklich geschähe? Wenn er klingelte: Wie würde man reagieren? Wir haben uns dann gefragt, was Gott getan hätte. Er hätte ihn nicht rausgeschmissen. Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern – täglich beten wir so, oft ohne wirklich zu verstehen.

Bis heute beten mein Mann und ich für den Täter

Unter Tränen begann unsere Runde auch für die Person zu beten, die uns unseren Mirco genommen hatte. Bis heute beten mein Mann und ich für den Täter. Es ist nicht immer leicht, denn obwohl die Beweislage klar war und man ihn anhand von DNA-Spuren überführt hat, hat er sich im Gerichtssaal mit fadenscheinigen Begründungen rausgewunden. Er sei beruflich überfordert gewesen, sagte er zum Beispiel. Dieses Schwein, sagten viele.

Mein Mann und ich aber wollen nicht hassen. Rachegedanken sind Gefühle, die diejenigen verändern, der sie in sich trägt. Und zwar nicht zum Guten. Wir wollen den Wahnsinn der Tat nicht noch dadurch belohnen, dass Reinhard und ich in die Gefahr geraten, uns zu vergessen und Gleiches mit Gleichem vergelten zu wollen. Wir wollen unsere Herzen nicht von diesen negativen Gefühlen vergiften lassen.

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NEU  IN  BERLIN  UND FÜNF  WEITEREN  BUNDESLÄNDERN

Schulfach Glück

 

Soziale Medien, Leistungsdruck und kulturelle Auseinandersetzungen. Es ist nicht leicht, ein Teenager zu sein. In sechs Bundesländern wird nun Glück unterrichtet. Kann man das wirklich lernen?

Von FOCUS-Autorin Corinna Baier

Es sind oft die einfachen Fragen, die einen stutzig machen. Vielleicht weil man sie sich so selten stellt. Diese zum Beispiel: Was hat euch in der vergangenen Woche glücklich gemacht? Hm. Augenbrauen machen lassen, Pizza gegessen, „Fifa“ auf der PlayStation gespielt. Die Antworten der 9f an der Berliner Jean-Krämer-Schule kommen schnell, freier, als es bei Erwachsenen der Fall wäre.

Geschlafen, mit Mama gesprochen, eine Schülerin erzählt von der Geburt ihrer Schwester. Louay hat etwas im Internet gelesen, das ihn glücklich gemacht hat. Was es war, mag er nicht sagen. Es ist laut im Raum. Neunte Klasse eben. Wie jeden Mittwoch in diesem Schuljahr übernehmen heute die Lehramtsstudentinnen Annika Meyer und Anne Schoenrock für zwei Stunden den Unterricht: Glück steht auf dem Stundenplan. Ein Experiment, das schon 100 Schulen wagen. In Bayern, Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Hessen und nun auch in Berlin.

43 Prozent aller Schüler der fünften bis zehnten Klassen sind überfordert

In der 9f stammen alle Schüler aus Willkommensklassen. Sie sind aus Syrien, Afghanistan oder dem Iran geflohen. Der Glücks-Unterricht soll bei der Integration helfen. Kulturen verstehen. Die eigene und die anderen. Vor dem Hintergrund wachsender Gewalt und zum Teil religiöser Auseinandersetzungen an Berliner Schulen kann die Suche nach dem Glück ein Schritt in die richtige Richtung sein.

Die Idee geht auf den ehemaligen Berufsschulleiter Ernst Fritz-Schubert zurück, der, zunächst als Spinner abgetan, in seinem Heidelberger Institut inzwischen Glücks-Lehrer ausbildet. Ganz praktisch und körperlich, die Übungen stellen Psychologen, Ärzte und Theaterpädagogen zusammen. Es geht um Fragen wie: Wer bin ich? Wo sind meine Stärken? Was treibt mich an? Frei nach Schopenhauer: „Das Glück ist nur sehr schwer in uns selbst zu finden und unmöglich woanders.“ Der Blick richtet sich also immer nach innen.

Die Anzahl psychischer Erkrankungen hat sich in den letzten 20 Jahren verdreifacht

„Der Unterricht befindet sich in der Schnittmenge zwischen Philosophie und Psychologie“, erklärt Ellen Scheiter, die das Projekt „Schulfach Glück“ bundesweit leitet. Sie strahlt dabei so zahnlastig, dass man sich gleich vorstellt, wie sie Glück in Tüten im Einkaufszentrum verteilt. Sie ergänzt: „Es geht um die Auseinandersetzung mit uns selbst.“ Die vielleicht schwerste Aufgabe, die uns Menschen ein Leben lang beschäftigt. Ihr kommt aktuell eine wesentliche Bedeutung zu.

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ANTISEMITISMUS

"Es gibt zu viele Moscheen, in denen Hass auf Juden gepredigt wird"

 

Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, wünscht sich mehr Härte im Umgang mit extremistischen Muslimen. Wer hiesige Normen nicht akzeptiert, solle kein dauerhaftes Bleiberecht erhalten.

Von Jacques Schuster

WELT AM SONNTAG: Herr Schuster, seit 2005 gab es in Frankreich allein 27 antisemitische Anschläge, darunter entsetzliche Morde. Die Vorsitzenden der wichtigsten jüdischen Verbände Großbritanniens beklagen den Antisemitismus, der in der Labour-Partei herrscht, und in Deutschland sind im vergangenen Jahr 1453 antisemitische Straftaten verzeichnet worden. Erleben wir eine antisemitische Welle in Europa?

Josef Schuster: Den Begriff der Welle halte ich für überzogen. Unbestreitbar aber ist, dass die antisemitischen Vorfälle in Europa sowohl was die Zahlen als auch was das Ausmaß an Gewalt angeht, bedrohlich zunehmen. Das gilt leider auch für Deutschland; unglücklicherweise gerade auch im Umfeld von Schulen .

WELT AM SONNTAG: Was macht Ihnen am Antisemitismus am meisten Sorge?

Schuster: Mir macht vor allem das Ausmaß des Antisemitismus Sorge. Verschiedene antisemitische Strömungen fließen derzeit zusammen. Wir leiden unter dem Antisemitismus von rechtsextremer Seite. Der ist für uns leider nichts Neues. Er war seit der Schoah immer greifbar. Hinzu kommt seit einigen Jahren ein lauter werdender Antisemitismus von Teilen der politischen Linken, der unter dem Deckmantel der Israelkritik daherkommt und in letzter Konsequenz das Existenzrecht Israels verneint. Eine weitere Form des Judenhasses ist die der Migranten, vor allem aus muslimischen Ländern. Sie sind in der Regel mit dem Judenhass ihrer Heimatländer aufgewachsen. Es ist klar, dass sie ihre Prägungen nicht an der Grenze zu Deutschland ablegen. Aber gleichzeitig ist es untragbar, dass sie diesen Judenhass in Deutschland zum Teil lauthals und teilweise sogar gewalttätig ausleben. Das geht nicht. Unabhängig davon finden sich antisemitische Äußerungen auch in der Mitte der Gesellschaft.

WELT AM SONNTAG: Ist nicht der islamistisch motivierte Antisemitismus gegenwärtig der bedrohlichste für die Juden?

Schuster: Er macht uns in der Tat im Moment am meisten Sorge. Tatsache ist aber auch, dass die überwiegende Anzahl antisemitischer Straftaten von Rechten verübt werden. Allerdings werden antisemitisch motivierte Gewalttaten, die in der polizeilichen Kriminalstatistik nicht eindeutig zuzuordnen sind, meist dennoch als rechtsextrem eingestuft. Das heißt, dass die Zahl in dieser Höhe sicherlich nicht stimmt. Trotzdem sehe ich ein höheres Bedrohungspotenzial von rechtsextremer als von islamistischer Seite.

WELT AM SONNTAG: Bleiben wir bei dem islamistisch motivierten Antisemitismus. Ist er auch das Ergebnis einer fehlerhaften Einwanderungs- und Flüchtlingspolitik?

Schuster: Ich habe bereits 2015 öffentlich gesagt, dass ich die Sorge habe, die große Anzahl nach Deutschland kommender Flüchtlinge aus muslimisch geprägten Staaten werde den Antisemitismus verstärken. Natürlich wissen wir alle, dass es vermessen wäre zu glauben, die Integration sei innerhalb von zwei, drei Jahren machbar. Bei all den sinnvollen und lobenswerten Integrationsbestrebungen fehlt mir immer noch der deutliche Hinweis an alle Neuhinzukommenden: Wer hier leben will, muss sich an unsere Werte und Traditionen halten. Wer nicht bereit ist, unsere gesellschaftlichen Normen zu akzeptieren, der sollte kein dauerhaftes Bleiberecht in diesem Land erhalten.

WELT AM SONNTAG: Hat man es mit dem Multikulturalismus zu weit getrieben?

Schuster: Lassen Sie uns nach vorne schauen. Heute geht es nicht um Multikulti. Es geht darum, dass die Normen und Werte unseres Grundgesetzes und unserer Gesellschaft als selbstverständlich angenommen werden müssen.

WELT AM SONNTAG: Mit Blick auf die islamistisch motivierten Gewalttaten: Was haben der Staat, was die Öffentlichkeit im Kampf gegen Judenhass versäumt?

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AFD  UND  KIRCHEN

In politreligiöser Feindschaft gefangen

 

Die AfD und die großen Kirchen in Deutschland werfen einander das Gleiche vor: Ausgrenzung. Doch die Neigung zu moralischer Überhöhung findet sich auf beiden Seiten. Vor dem Katholikentag spitzt sich der Konflikt zu.

Von Matthias Kamann

Volker Münz sieht seine Partei als Opfer. Der AfD-Bundestagsabgeordnete, kirchenpolitischer Sprecher seiner Fraktion, beklagt sich im WELT-Gespräch darüber, dass „die AfD von den Amtskirchen diffamiert wird“. Doch diesen Opferdiskurs gibt es auch in umgekehrter Richtung.

Einige katholische Theologen fordern in einer Erklärung , dass Münz nicht beim Katholikentag Mitte Mai in Münster auftreten darf. „Nicht die AfD wird zum Opfer, wenn sie vom Katholikentag ausgeladen wird“, schreiben die Theologen. Zu Opfern würden vielmehr bei einem AfD-Auftritt „all diejenigen, die unter Rechtsextremismus , Nationalismus und Sexismus zu leiden haben“.

Das Täter-Opfer-Hin-und-Her gibt es auch in Sachsen-Anhalt. Dort beschwert sich AfD-Landtagsfraktionschef Oliver Kirchner über die „Ausgrenzung“ seiner Partei durch die Kirchen. Aber deren höchsten Vertreter im Bundesland, Bischöfin Ilse Junkermann von der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland sowie Bischof Gerhard Feige vom katholischen Bistum Magdeburg, werfen der AfD ebenfalls Ausgrenzung vor.

Junkermann und Feige unterzeichneten jüngst eine Petition von staatsnahen, kirchlichen, liberalen und linken Gruppen, die meinen, dass die AfD in Sachsen-Anhalt „zivilgesellschaftliche Träger und staatliche Institutionen angreift und verunglimpft“. Weiter heißt es über die AfD: „Die gezielte Verbreitung von Gerüchten und Unterstellungen diskreditiert unsere Arbeit.“

So zeigt sich, wie zerrüttet das Verhältnis zwischen den beiden großen Kirchen einerseits und der AfD andererseits ist. Jede Seite erhebt gegen die jeweils andere einen Vorwurf, der im religiösen Zusammenhang der denkbar schwerste ist: sich dem Ideal der Gemeinschaft zu verweigern und stattdessen bestimmte Gruppen vertreiben zu wollen. Daraus folgt – um im kirchlichen Sprachgebrauch zu bleiben – gegenseitige Exkommunikation.

Begonnen hatte der Streit in Sachsen-Anhalt, als die AfD unter ihrem Nochlandeschef André Poggenburg eine Kampagne gegen tatsächlichen oder vermeintlichen Linksextremismus gestartet und Verbindungen zwischen der Antifa und staatlich oder kirchlich geförderten Organisationen behauptet hatte. Untersuchen soll dies eine von der AfD beantragte, mit CDU-Stimmen beschlossene Enquetekommission „Linksextremismus“ unter Poggenburgs Vorsitz .

Dadurch fühlten sich jene Organisationen einem von der AfD angestachelten Generalverdacht ausgesetzt und verfassten die genannte Erklärung. Als diese von Junkermann und Feige unterzeichnet wurde und die evangelische Diakonie vor der Annahme von AfD-Spenden warnte, sah sich wiederum die Partei einem Generalverdacht ausgesetzt. Ihr Landtagsfraktionsvize Tobias Rausch kündigte seinen Austritt aus der evangelischen Kirche an: „Wenn die Kirchen keine Spenden von der AfD annehmen wollen, ist es ihnen nicht zuzumuten, meine Kirchensteuer anzunehmen.“

Das klingt beleidigt und dürfte auch so gemeint sein: Verbittert behauptet die AfD, die Kirchen würden überall, auch im Politischen, die Entscheidung über Gut und Böse beanspruchen. So sagt es Münz aus der Bundestagsfraktion: „Viele in den Kirchen und fast alle in deren Spitzengremien setzen sich auf ein hohes moralisches Ross, fühlen sich im Besitz einer allgemeingültigen Wahrheit gerade in politischer Hinsicht und qualifizieren diejenigen ab, die politisch zu anderen Schlüssen kommen.“

Dabei, so Münz, habe es „in der Zuwanderungspolitik nichts mit Rassismus zu tun, dass die AfD eine Politik der offenen Grenzen für falsch hält“. Vielmehr könnte man „mit dem vielen Geld, das jetzt für die hierhergekommenen Migranten ausgegeben wird, sehr viel mehr Menschen in deren Herkunftsländern oder auch in Flüchtlingslagern helfen“. Mit der „Öffnung der Grenzen“ aber werde „ein Vielvölkerstaat“ geschaffen, dessen Probleme „noch unseren Kindern um die Ohren fliegen“.

„Starkes politreligiöses Element“

Doch findet sich auch in der AfD die Neigung, ihre politischen Ansichten moralisch zu überhöhen. Das gilt nicht zuletzt für kirchlich engagierte Parteimitglieder wie Münz, die sich in der Gruppe Christen in der AfD (ChrAfD) zusammengeschlossen haben. Dort sieht die Journalistin Liane Bednarz, die gerade ein Buch über rechte Christen publiziert hat („Die Angstprediger“, Droemer), ein „starkes politreligiöses Element“. So halte die Gruppe „Mehrheitsentscheidungen nicht aus sich heraus für legitim“. Vielmehr wolle man solche Entscheidungen „zusätzlich einer sittlichen Bewertung unterziehen, womit, davon ist auszugehen, die eigene Auffassung von Sitte gemeint ist“.

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ES  GEHT  NICHT  UM  FRIEDEN  IN  NAHOST

Saudi-Prinz spricht Israel Existenzrecht zu – doch dahinter steckt ein Kriegs-Plan

 

Für einen saudi-arabischen Kronprinzen ist die Äußerung von Prinz Mohammed bin Salman al-Saud spektakulär. Dem US-Magazin „The Atlantic“ hatte „MBS“ – so sein Spitzname – gesagt: „Ich glaube, dass Palästinenser und Israelis das Recht auf ihr eigenes Land haben.“.

Von FOCUS-Online-Redakteurin Anja Willner

Dass die Saudis sich für einen eigenen Palästinenser-Staat aussprechen, ist nicht neu. Wohl aber, dass ein prominenter Vertreter des saudischen Königshauses sich öffentlich zum Existenzrecht Israels bekennt.

Die Äußerungen des Prinzen nährten bei vielen Hoffnungen darauf, es könne nun Bewegung im Nahost-Friedensprozess geben. Dabei zielte der Kronprinz auf etwas ganz anderes ab. „Bei all dem geht es ihm um den Machtkampf mit den Iranern“, sagt Nahost-Experte Abdel Mottaleb el Husseini zu FOCUS Online. „Das Ziel des Prinzen ist nicht der Frieden mit den Israelis – er will einen Krieg mit dem Iran.“

Trump unterstützt den Kurs des Prinzen gegen den Iran

Der Konflikt zwischen Sunniten – Saudi-Arabien ist der führende sunnitische Staat – und Schiiten ist uralt. Aktuell geht es weniger um Religion als vielmehr um die Frage, wer die Macht in der Region hat: die Saudis und ihre Verbündeten inklusive USA oder der Iran, der Russland und die Türkei an seiner Seite weiß. Der saudische Kronprinz treibt diesen Konflikt bewusst voran, vor kurzem sprach er ausdrücklich von einem Krieg mit dem Iran.

Die USA unter US-Präsident Donald Trump gießen seit Monaten Öl ins Feuer, indem sie sich in dem Regionalkonflikt sehr eindeutig auf Seiten der Saudis positionieren und den Iran immer wieder verbal angreifen. „Das ist extrem gefährlich“, urteilt Nahost-Experte Husseini. Denn Prinz Mohammed bin Salman könnte dies als Ermutigung missverstehen, sich in einen offenen Krieg mit dem Iran zu stürzen. Dafür wolle er die USA und Israel an seiner Seite wissen – deswegen auch die pro-israelische Äußerung.

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HELFEN  UND  AUSGRENZEN

Die Tücken des realhistorischen Christentums

 

Die Religion ist von der prägenden Kraft Europas zum Knüppel für Identitätskonflikte verkommen. Wer genau hinschaut, entdeckt schnell, wie wenig sie als moralisches Empörungsmittel geeignet ist.

Von Don Alphonso

Wo der Pflug hingeht, geht auch der Zehnt hin, sagte ein altes Sprichwort in Bezug auf die Kirchensteuern, und deshalb fahre ich nicht Pflug, sondern Rad. Sehen Sie, es gibt zwei Arten von Atheisten auf dieser Welt: Die einen lehnen Religion ab und die anderen lehnen Religion für sich selbst ab, aber wenn sie am Palmsonntag mit ihrer bunt gekleideten Gruppo Sportivo durch Buonconvento radeln , und dort auf dem Marktplatz nicht weiter kommen, weil Menschen mit Olivenzweigen auf den Segen warten, dann halten sie aus Respekt an. Prozessionen vor Rechts vor Links, diese Verkehrsregeln gelten nun mal in Bayern und Italien. Und diese Atheisten erinnern sich, dass sie auf fast schon heiligem Territorium sind, nahe des Klosters Monte Oliveto Maggiore, das acht Kilometer von hier auf einem Berg liegt. Wie man da als bayerischer Atheist so wartet, fällt einem ein, dass daheim jemand ist, der sich über ein wenig Segen auch freuen würde, speziell, wenn dieser Segen auch ordentlich erpilgert wurde. Dann löst sich der Stau auf dem Marktplatz auf, und als guter Atheist vergisst man sofort wieder die guten Vorsätze und geht ins Café.

Aber da ist auch noch Franco, und am eigentlichen Abreisetag trifft man Franco und Franco meint, man müsste unbedingt jetzt sofort nach Buonconvento radeln, um jemanden kennenzulernen, sofort, prontissime, er arrangiert das Treffen, und wenn Franco das sagt, ist es auch richtig so. Nach dem Treffen scheint, wie so oft in der Toskana , die Sonne, und nun gäbe es zwei Möglichkeiten; Zurück zum Hotel und heimwärts. Das wäre deutsch. Oder, da war doch noch… irgendwas hatte ich doch… ich wollte hier noch etwas… ah, Monte Oliveto Maggiore. Ich wollte nach Monte Oliveto radeln, um dort einen Olivenzweig nahe der segensreichen Abtei zu holen.

Man glaubt gar nicht, wie flexibel so ein stählerner bayerischer Atheismus werden kann, wenn im Hotel nur die Heimfahrt auf einen wartet, aber so ist das nun mal, im abstürzenden Flugzeug gibt es schließlich auch keine Atheisten. Ich werde nachher niemandem erzählen, was ich getan habe, und Sie sagen es bitte auch keinem weiter, und hopp hopp hopp kreisen die Beine um die Kurbel das kleine Seitental zum heiligen Berg hoch, zur Wiege der Olivetaner, einer kleinen, aber feinen Nebenlinie der Benediktiner. Hier in der Region um Siena ist der Monte Oliveto das, was Assisi für Umbrien ist: Der Inbegriff des Lebens in Armut und Demut, selbst wenn das Kloster im Mittelalter zu den reichsten Abteien des Landes zählte.

Dabei war der Boden, als sich hier im Jahre 1313 ein gewisser Bernardo Tolomei aus Siena mit zwei Freunden von der Welt zurückzog, alles andere als heilig: Die Gegend mit ihrer schlechten Erde und schroffen Steinabbrüchen galt als Wüste, und der braune Lehm war blutgetränkt: In dieser Region tobte 1260 die Schlacht von Montaperti zwischen Siena und Florenz: 10.000 Florentiner und Verbündete lagen wie abgeschnittene Olivenzweige nach dem Sieg der Sienesen und verbündeten Deutschen tot auf dem Schlachtfeld. Es war ein selbst für die damalige Zeit ungewöhnlich grausames Massaker, das Siena für die nächsten 300 Jahre half, seine Eigenständigkeit zu bewahren. Es sieht heute alles so friedlich aus. Das war es nicht, und davon künden auch heute noch die Türme und Zinnen, die sich hier gen Himmel erheben, bevor man das Klostergebäude erreicht.

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PUTINS  OSTSEEFLOTTE

Die wahre russische Gefahr lauert in einem anderen Meer

 

Moskaus geplantes Marinemanöver rüttelt das Baltikum auf. Doch die eigentliche Gefahr birgt nicht Russlands Technik, sondern seine Strategie. Und die zielt auf eine andere Region ab. In der Ostsee gibt man nur den Störenfried.

Von Pavel Lokshin, Moskau

Im Baltikum wird man nervös, und nicht ohne Grund: Ab Mittwoch wird Russland wenige Dutzend Kilometer vor den Küsten Polens und Lettlands Marinemanöver abhalten. Bei den Übungen mit zehn Kriegsschiffen sollen russische Raketen sogar in Lettlands ausschließliche Wirtschaftszone eindringen, also das Gebiet unmittelbar vor den Hoheitsgewässern. Das lettische Verteidigungsministerium nannte die Manöver zwar zulässig, kritisierte sie aber als „Machtdemonstration“ und bestellte den russischen Militärattaché ein.

Schweden warnte vor Gefahren für die zivile Schifffahrt. Zuletzt waren russische Kriegsschiffe teil der „Sapad“-Übung , die Russland und Belarus im vergangenen September abhielten.

Nach der Annexion der Krim verstärkte Russland seine Luft- und Marinepräsenz in der Ostsee, stets bemüht, die Nato zu testen – und an die Grenzen des völkerrechtlich Zulässigen zu gehen. In den vergangenen Jahren beklagten sich Schweden, Finnland und die baltischen Staaten über fast tägliche Verletzungen ihrer Territorialgewässer und ihres Luftraums durch russische Marine und Luftwaffe und über Scheinangriffe auf Nato-Schiffe und -Basen.

Militärpräsenz in Kaliningrad ausgebaut

Spätestens seit Putins zweiter Amtszeit als Präsident hat Russland seine Militärpräsenz in der Exklave Kaliningrad stetig verstärkt. Anders als in den 1990er-Jahren, als Russland seine Militärpräsenz in der Ostseeregion vernachlässigte, steht Kaliningrad heute für Russlands am weitesten westlich gelegene Militärbastion: die nördliche Flanke in einem hypothetischen Konflikt mit der Nato. In der russischen Exklave gibt es heute S-400-Luftabwehrsysteme und Iskander-Boden-Boden-Raketen, die nuklear bestückt werden können. Der Aktionsradius russischer Raketensysteme reicht weit in die Ostsee und das Territorium der angrenzenden Nato-Länder hinein.

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MOHAMMED  BIN  SALMAN

"E (der Ayatollah) ist der Hitler des Mittleren Ostens"

 

Der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman hat Israel das Recht auf ein eigenes Land zugesprochen.„Ich glaube, dass alle Menschen, überall, das Recht haben, friedlich in ihrem Staat zu leben“, sagte der 32-Jährige.

In einem überraschenden Schritt hat der saudi-arabische Kronzprinz den Israelis das Recht auf ihr Land zugesprochen. Er sei der Überzeugung, dass „die Palästinenser und die Israelis das Recht auf ihr eigenes Land haben“, sagte Kronprinz Mohammed bin Salman dem US-Magazin „The Atlantic “ vom Montag. Notwendig sei ein Friedensabkommen zwischen den Konfliktparteien, „um Stabilität für alle zu sichern und normale Beziehungen zu haben“.

Bis heute unterhalten das ultrakonservative sunnitische Königreich Saudi-Arabien und Israel keine formellen diplomatischen Beziehungen. Hinter den Kulissen hat sich das Verhältnis zwischen den beiden Ländern in den vergangenen Jahren jedoch allmählich gebessert.

Beide sehen den schiitischen Iran als eine Bedrohung an. Angesprochen auf das schwierige Verhältnis zum Iran und dessen geistlichen Oberhaupt Ayatollah Ali Chamenei sagte bin Salman: „Er lässt sogar Hitler noch gut aussehen.“ Hitler habe nur Europa erobern wollen, der Ayatollah wolle jedoch die ganze Welt unterwerfen, so bin Salman. „Er (der Ayatollah) ist der Hitler des Mittleren Ostens.“

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