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Interviews

KRITIK  VON  FRANZISKUS

Das Vaterunser umdichten? Schon die Goten wussten es besser

 

Der Papst kritisiert den deutschen Text des Vaterunsers. Warum es falsch wäre, das christliche Ur-Gebet so umzudichten, dass Gott keine aktive Rolle bei der Versuchung spielt – ein Blick auf 1700 Jahre Übersetzungstradition.

Von Matthias Heine

Die Pointe dürfte vielen entgangen sein: Ein Mann, von dem nichts in der Bibel steht, der kein Deutsch spricht und der einer christlichen Konfession vorsteht, die bis 1980 keine kirchlich approbierte Übersetzung der Bibel in unsere Muttersprache hatte, entfacht im italienischen Fernsehen eine Diskussion über die deutsche Übersetzung des Vaterunsers.

Papst Franziskus sagte in einem Interview mit dem italienischen Sender TV2000, der Vers „Und führe uns nicht in Versuchung“, wie es etwa in der deutschen und auch in der italienischen Version des Vaterunsers heißt, sei „keine gute Übersetzung“. Besser sei: „Lass mich nicht in Versuchung geraten.“ Denn: „Ich bin es, der fällt, aber es ist nicht er, der mich in Versuchung geraten lässt.“ Ein Vater mache so etwas nicht. „Wer dich in Versuchung führt, ist Satan.“

So einleuchtend das für moderne Christen mit ihrer Sehnsucht nach einem widerspruchsfreien Wellnessgott klingen mag: Es würde eine 1700-jährige Übersetzungstradition auf den Kopf stellen, wenn die deutschen Katholiken, getrieben vom Diktum des Papstes, nun dem französischen Vorbild folgten. Dort haben die Bischöfe den Text bereits so geändert, dass es jetzt heißt: „Et ne nous laisse pas entrer en tentation“ (Lass uns nicht Versuchung geraten/eintreten).

Schon die Goten wussten es besser als Franziskus

In Deutschland ist dagegen seit der frühen Neuzeit, als man anfing, den griechischen Urtext zu verstehen und ernst zu nehmen, kein relevanter Übersetzer auf die Idee gekommen, jenes Gebet, das Jesus selbst seine Jünger gelehrt haben soll, so umzudichten, dass Gott keine aktive Rolle bei der Versuchung spielt. Schon in der Übersetzung des gotischen Bischofs Wulfila, der des Griechischen mächtig war, hieß es um 350 n. Chr.: „jah ni briggais uns in fraistubnjai“ (Und nicht bringe uns in Versuchung). In den althochdeutschen Fassungen des 9. Jahrhunderts wird immer gebeten, Gott möge uns nicht in Versuchung leiten oder verleiten.

Als Griechischkenntnisse verloren gingen, gab es zwar schon mal Versuche, den klaren Wortlaut des Originals zu verweichlichen. Mittelhochdeutsch übersetzte um 1050 Reinmar von Zweter die entsprechende Stelle ziemlich frei: „vor sünden kor sô mache uns vrî“.

Doch spätestens seit der Humanist Erasmus von Rotterdam 1516 erstmals den griechischen Urtext des Neuen Testaments drucken ließ und ihn damit allgemein zugänglich machte, herrschte kein Zweifel mehr daran, dass Gott selbst den Gläubigen aktiv in Versuchung führen könnte. Erasmus’ Ausgabe legte auch Martin Luther seiner Übersetzung zugrunde. Im sogenannten Septembertestament von 1521 heißt die entsprechende Stelle mit „vnnd fure unns nitt ynn versuchung“. In der Ausgabe von 1545, der letzten vor dem Tod des Reformators, kommt der Vers der heutigen Fassung dann noch näher: „Vnd füre vns nicht in versuchung.“

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ZEITGEIST

Philosophie statt Religion in der Grundschule?

 

Bildungspolitiker wollen in NRW bereits in der Grundschule das Fach Philosophie einführen. Das soll Kinder ermutigen, selbst zu denken – und wird dem Religionsunterricht Konkurrenz machen.

Von Till R. Stoldt

Ein kleiner Junge vertraute sich einst dem Existenzphilosophen Karl Jaspers an. „Ich versuche immer zu denken, ich sei ein anderer und bin doch immer wieder ich“, erzählte er ihm. Jaspers war beeindruckt von dieser existenziellen Grenzerfahrung und rühmte den Jungen, er treibe echte Philosophie, weil er „vor dem Rätsel des Ichseins zu staunen“ vermöge.

Da verwundert nicht, dass Jaspers als seine Inspirationsquellen weniger die großen Denker des Abendlandes bezeichnete (obwohl er die doch so gut kannte wie andere das kleine Einmaleins), sondern erstens seine Frau und zweitens Kinder. „Kinder“, so schrieb er in seiner Einführung in die Philosophie, „besitzen oft eine Genialität, die im Erwachsenwerden verloren geht“. Ihre Fragen führten „in die Tiefe des Philosophierens“. Wer ihre Erkenntnisse sammeln würde, der könnte „eine reiche Kinderphilosophie“ entwickeln.

Auf diesen prominenten Fürsprecher kann sich die große Mehrheit der Bildungspolitiker in NRW nun berufen. Sie möchte bereits in der Grundschule Philosophieunterricht einführen – so, wie es ihn, von Bayern bis Schleswig-Holstein, schon in acht Bundesländern gibt (wenngleich in sehr unterschiedlicher Ausgestaltung). Auf dieses Ziel haben sich CDU und FDP im Koalitionsvertrag verständigt, wobei die FDP die lange eher abgeneigte CDU offenbar überzeugt hat. Aber auch Grüne und AfD werben dafür, schon ab der ersten Klasse Kant & Co. ins Klassenzimmer zu holen. Ab der fünften Klasse wird bereits an vielen Schulen in NRW Philosophie als Unterrichtsfach angeboten. Für Grundschüler aber ist dies landesweit bislang nur an wenigen Projektschulen möglich. Das soll sich ändern.

Immer weniger Schüler im Religionsunterricht

Um dieser grundsätzlich unstrittigen Idee Auftrieb zu verschaffen, beantragten die Grünen eine Expertenanhörung zum Thema, die diese Woche im Landtag stattfand. Und siehe da: Auch unter den Fachleuchten von Hochschulen, Schulen und Kirchen dominiert die Überzeugung, es gebe einen Bedarf nach dem neuen Grundschulfach. Dafür ist vor allem ein Grund maßgeblich: Von den 632.693 Grundschulkindern in NRW besucht eine wachsende Minderheit keinen Religionsunterricht. Vor fünf Jahren zählte diese Minderheit noch zwölf Prozent, im Schuljahr 2016/17 bereits 17,5 Prozent. Das sind über 110.000 Schüler landesweit.

Diese Gruppe besteht zum einen aus Konfessionslosen, zum anderen aus Kindern, die einer Religionsgemeinschaft angehören, für die aber kein Religionsunterricht zustande kommt. Denn dafür braucht man mindestens zwölf Schüler. Insbesondere Angehörige kleiner religiöser Minderheiten bekommen diese Mindestzahl vielerorts nicht zusammen. Das betrifft fast flächendeckend Buddhisten, Aleviten und Jeziden, in hochkatholischen Gebieten aber auch Protestanten und in einzelnen protestantischen Hochburgen sogar Katholiken. Bislang sitzen all diese Kinder meist in beaufsichtigten Freistunden herum oder werden (bei Randstunden) nach Hause geschickt, wenn ihre Klassenkameraden Religionsunterricht erhalten. Pro Jahr entgehen ihnen dadurch gut 85 Schulstunden. Sie können natürlich freiwillig an einem Religionsunterricht fremder Konfession teilnehmen. Einige tun das auch, weil sie fremden Religionsunterricht im Vergleich zu beaufsichtigten Freistunden „für das kleinere Übel“ halten, meint jedenfalls der Münsteraner Philosophie-Didaktiker Klaus Blesenkemper).

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WARUM  DIE  STADT  AUCH  MOSLEMS  HEILIG  IST

Durch Jerusalem wurden Juden zu Feinden des Islams

 

Bevor Jerusalem so heilig wurde, wie es heute ist, bedurfte es der Schaffung von Mythen. Der Prophet Mohammed gab die Weisung, gen Jerusalem zu beten. Doch es kam zum Bruch, mit den Juden und unter Muslimen.

Von Gil Jaron, Jerusalem

Wütend marschiert die Masse durch die Gassen der Jerusalemer Altstadt. „Al-Kuds ist die Hauptstadt Palästinas!“, skandieren sie. Später werden diese Jugendlichen am Damaskustor Steine auf israelische Sicherheitskräfte werfen, es gibt einige Festnahmen.

Wenige Kilometer von hier entfernt, in Ramallah und Bethlehem, sind die Zusammenstöße heftiger. Es werden Brandsätze geworfen, Gummigeschosse sausen durch die tränengasgeschwängerte Luft. Im Gazastreifen sterben am Freitag zwei „Rädelsführer“ der Proteste durch israelische Scharfschützen.

Ihr Tod ist eine Folge des Aufrufs von Hamas-Führer Ismail Hanija zur dritten Intifada. Die soll beweisen, dass „wir bereit sind, für Jerusalem unser Leben zu geben“. Nicht nur die Palästinenser, die ganze islamische Welt scheint an diesem Wochenende in Aufruhr: Von Kairo, Istanbul, Amman, Beirut, Bagdad, bis Jakarta demonstrieren Tausende gegen den Beschluss des US-Präsidenten Donald Trump, Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen und die US-Botschaft dorthin zu verlegen.

Doch erstaunlicherweise fällt die Reaktion in den besetzten Gebieten nicht so krass aus wie befürchtet – auch wenn in der Nacht zum Samstag zwei Raketen aus Gaza abgefeuert werden und die israelische Luftwaffe als Reaktion Stellungen der Hamas beschießt. Der Schlachtruf „Jerusalem“ scheint weniger zu mobilisieren als früher.

Seit mehr als zwanzig Jahren stolpert der Friedensprozess zwischen Israelis und Palästinensern durch die Weltgeschichte. Oft kamen die Unterhändler sich näher: Bei Wasserrechten, Sicherheitsarrangements, der Aufteilung elektromagnetischer Frequenzen und selbst beim Rückkehrrecht palästinensischer Flüchtlinge war Kompromissbereitschaft erkennbar.

Bis eine Frage auf den Tisch kam: Was ist mit Jerusalem? Dann war keine Einigung möglich. Juden und Muslimen ist derselbe Berg heilig. Unter der goldenen Kuppel des Felsendoms liegt der Stein, den Juden als „Schöpfungsstein“ bezeichnen. Er soll sich unter dem Allerheiligsten der biblischen Tempel befunden haben, ist für sie die Schnittstelle zwischen Himmel und Erde, die Urmaterie, aus der Gott das ganze Universum schuf.

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DEBATTE  UM  "VERSUCHUNG"

Nach Kritik des Papstes – Wird das Vaterunser geändert?

 

Papst Franziskus hat die deutsche Übersetzung des Vaterunser kritisiert. Er stört sich am Vers „Und führe uns nicht in Versuchung“. Nun droht die Änderung. Dabei ist der griechische Text eindeutig.

Von Lucas Wiegelmann

Wenn die Deutschen jetzt an Weihnachten mal wieder in die Kirche gehen, sollten sie das gemeinsame Vaterunser noch einmal genießen. Es kann nämlich gut sein, dass es nicht mehr lange in der Textgestalt gebetet wird, die ihnen seit Generationen vertraut ist. Seit einigen Wochen läuft eine Debatte in der katholischen Kirche, ob das Gebet, immerhin einer der bekanntesten Texte aller Zeiten, nicht langsam mal geändert werden müsste, um modernen Empfindlichkeiten besser zu entsprechen.

In dieser Woche nun hat die Diskussion den möglicherweise entscheidenden Impuls bekommen, indem sich die zugleich unwahrscheinlichste und wichtigste Stimme, die man sich in der Angelegenheit denken kann, dazu geäußert hat – und zwar gegen den bisherigen Wortlaut des Gebets: der Papst. Zu dessen Hauptaufgaben gehört es ja sonst eigentlich nicht, über Jahrhunderte bewährte liturgische Texte infrage zu stellen.

Falsches Gottesbild?

Der Streit entzündet sich an der Bitte „Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen“. Kritiker finden, in der Formulierung werde ein falsches Gottesbild vermittelt. Es werde impliziert, dass Gott auch ganz anders könnte. Dass er die Menschen auch aktiv in Versuchung führen würde, wenn ihm danach wäre. Warum aber sollte er, der das Gute schlechthin ist, so etwas tun?

„Und führe uns nicht in Versuchung“, wie es etwa in der deutschen und auch in der italienischen Version des Vaterunser heißt, sei „keine gute Übersetzung“, sagte der Papst in einem Interview mit dem italienischen Sender TV2000. „Lass mich nicht in Versuchung geraten“ wäre besser, so Franziskus. „Ich bin es, der fällt, aber es ist nicht er, der mich in Versuchung geraten lässt.“ Ein Vater mache so etwas nicht. „Ein Vater hilft, sofort wieder aufzustehen. Wer dich in Versuchung führt, ist Satan.“

„Gott führt niemanden in Versuchung“

Damit folgt der Papst den Bischöfen in Frankreich, die erst vor Kurzem die französische Übersetzung genau in diesem Sinne überarbeitet haben. Dort heißt es jetzt: „Et ne nous laisse pas entrer en tentation“ (früher: „Ne nous soumets pas à la tentation“). Solche Änderungen bedürfen natürlich der Genehmigung des Vatikan. Insofern konnte man schon ahnen, dass auch Papst Franziskus persönlich die Änderung billigt. Dass er die Debatte nun aber auch selbst vorantreibt, ist dennoch eine Überraschung.

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JERUSALEM-STATUS

Palästinensische UN-Diplomatin fürchtet "nie endenden Religionskrieg"

 

Die Anerkennung Jerusalems als Israels Hauptstadt führt zu Verwerfungen: Die Hamas hat für heute eine Intifada angekündigt, nach den Freitagsgebeten drohen schwere Proteste. Die Palästinenser erklären Mike Pence zur Persona non grata.

Die Palästinenser haben den Weltsicherheitsrat aufgefordert, die Anerkennung Jerusalems als israelische Hauptstadt durch die USA zu widerrufen. In einem Brief an den Rat erklärte die palästinensische Diplomatin Feda Abdelhady-Nasser am Donnerstag, die Entscheidung der amerikanischen Regierung verletzte mehrere UN-Resolutionen.

Sie könne zu einem „nie endenden Religionskrieg “ führen. Der Weltsicherheitsrat hat für den (heutigen) Freitag eine Sondersitzung geplant. Auch andere bedeutende Treffen sind vorgesehen.

US-Präsident Donald Trump hat Jerusalem als Hauptstadt Israels anerkannt und damit einen historischen Alleingang gewagt. Der Schritt wurde abgesehen von der israelischen Führung von keinem anderen Land weltweit begrüßt. Die Palästinenser beanspruchen Ost-Jerusalem als Hauptstadt ihres zukünftigen unabhängigen Staates. Die internationale Staatengemeinschaft will, dass die Frage in direkten Verhandlungen zwischen Israel und den Palästinensern geklärt wird.

Die radikal-islamische Hamas hat für Freitag zu einem neuen Palästinenseraufstand (Intifada) aufgerufen. Hamas-Chef Ismail Hanija forderte zur „Befreiung Jerusalems“ auf. Israel hat seine Sicherheitskräfte in erhöhte Alarmbereitschaft versetzt, weil nach den Freitagsgebeten neue Unruhen befürchtet werden.

Angesichts der Sorge vor einem neuen Gewaltausbruch in der Region ist für Freitag eine Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrates angesetzt.

Die Arabische Liga, die die meisten Staaten im Nahen Osten und in Nordafrika präsentiert, plante ein Treffen am (morgigen) Samstag. In der kommenden Woche wird die Türkei Gastgeber einer Versammlung der Organisation für Islamische Zusammenarbeit sein. In dem Verbund sind 57 arabische und muslimische Länder organisiert.

„Pence ist in Palästina nicht willkommen“

Tausende Palästinenser stießen nach Trumps Ankündigung mit israelischen Sicherheitskräften zusammen. Demonstranten im Gazastreifen verbrannten US-Fahnen und Bilder von Trump.

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AUS  DER  HITLERJUGEND  DIREKT  IN  DEN  JESUITENORDEN

Sie nannten ihn das "Maschinengewehr Gottes"

 

Er hetzte gegen „Schlampen“ und nannte Deutschland den „Schweinestall Europas“: Mit seiner drastischen Rhetorik zog der Jesuitenpater Johannes Leppich in der frühen Bundesrepublik Zehntausende an.

Von Birgitta Negel-Täuber

Schreien, wüten, beleidigen – Johannes Leppich war bekannt für markige, mitunter auch verletzende Worte. Wann immer sich der äußerlich unscheinbare Ordensmann im schwarzen Priesteranzug auf der Laderampe eines LKWs vor dem Mikrofon positionierte, konnte er sicher sein, dass ihm Tausende zuhörten. In den 50er- und 60er-Jahren kamen die Menschen von weither angereist, um den Pater predigen zu hören. Am 7. Dezember 1992 starb der bekannteste Jesuit Deutschlands und Mitbegründer der Telefonseelsorge.

Der 1915 in Ratibor geborene Priester mit dem oberschlesischen Tonfall kam aus bescheidenem Milieu: Sein Vater war Aufseher im Zuchthaus, gelegentlich nahm er den Sohn mit zum Dienst. Seiner Herkunft verdankte er wohl den Blick für soziale Nöte. Zeitlebens fühlte er sich den Arbeitern und Ausgegrenzten zugehörig. In seinen Ansichten war er radikal – „roter Pater“ und „schwarzer Goebbels“ nannten ihn seine Gegner.

Der Vergleich mit Goebbels lag nahe angesichts seiner sich überschlagenden Rhetorik; „rot“ war Leppich indes nie. Im Gegenteil, schon vor 1933 war er in der Hitlerjugend aktiv; später trommelte er in seinen Predigten gegen die Gefahren des Kommunismus.

Die Wende zur Kirche leitete sein Religionslehrer ein. Der war es leid, sich mit seinem wortgewandten Schüler über Politik zu streiten und empfahl ihm geistliche Exerzitien. Leppichs Kommentar: „Ich bin aus der Hitlerjugend direkt umgestiegen in den Jesuitenorden.“

Während seines Studiums der Theologie und Philosophie war er als Ordensangehöriger vom Wehrdienst befreit. Nach dem Zweiten Weltkrieg arbeitete er als Seelsorger, betreute Flüchtlinge im Übergangslager Friedland und war Gefängnisseelsorger. Die Not der Menschen erlebte er hautnah; sie bestimmte seinen weiteren Lebensweg. Denn Leppich verstand sich als Missionar: Materieller Mangel und die religiöse Dürre seiner Mitmenschen trieben ihn gleichermaßen um.

Leppich zog die Massen an, wie es heute kaum vorstellbar ist. Höhepunkt war ein Auftritt vor 40.000 Zuhörern in Fulda. Oft wurde er mit dem amerikanischen Prediger Bill Graham verglichen; den Spitznamen „Maschinengewehr Gottes“ hörte er durchaus gern. Seine Wortwahl war bildreich und ordinär – weit entfernt von sonst üblichen Predigten. Seine drastische Rhetorik setzte er bewusst ein, denn: „Ich muss an ein Publikum heran, das keinen Weihrauch mehr riechen kann.“

Lesen Sie hier den Beitrag aus WELT Online vom 07. 12. 2017 zu Ende.

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JERUSALEM-ENTSCHEIDUNG

Donalds Trumps Mut zur Wahrheit

 

Der US-Präsident hat recht mit seinem Plan, die US-Botschaft nach Jerusalem zu verlegen. Zwanzig Jahre der Realitätsverweigerung haben den Frieden im Nahen Osten nicht nähergebracht. Es ist Zeit, die Realität anzuerkennen. Auch in Europa.

Von Alan Posener

Als Ägyptens Präsident Anwar Sadat vor vierzig Jahren nach Israel flog, um einen historischen Frieden zwischen dem wichtigsten arabischen Staat und dem jüdischen Staat zu schließen: Wo hielt er seine Rede? In der Knesset natürlich, Israels Parlament, in Israels Hauptstadt Jerusalem. Als Angela Merkel die Sicherheit des jüdischen Staates zum Teil der deutschen Staatsräson erklärte, wo war das? In der Knesset, in Israels Hauptstadt Jerusalem.

Seit Jahrzehnten erkennt die internationale Gemeinschaft stillschweigend an, dass die Stadt der jüdischen Könige David, Salomon und Herodes, die Stadt, in der bis zur Zerstörung durch die Römer der Tempel stand, und in der Jesus als „König der Juden“ von den Römern gekreuzigt wurde, die Stadt, die Juden seit 2000 Jahren beim Pessachfest beschwören – „Nächstes Jahr in Jerusalem!“ – dass diese Stadt, die nur deshalb Christen und Muslimen heilig wurde, weil sie seit jeher den Juden heilig ist, die Hauptstadt des jüdischen Staates ist und sein muss.

Nur diplomatisch wird die Fiktion aufrechterhalten, der Status der Stadt sei noch unklar. Die Botschaften auch der Freunde und Verbündeten Israels sitzen in Tel Aviv. Nun hat Präsident Donald Trump diese Schizophrenie beendet und will die Botschaft der USA nach Jerusalem verlegen. Gut.

„Muslimische Welt“ in blutigem Bürgerkrieg

Wie Trump in seiner Botschaft aus dem Weißen Haus betonte, hat die bisherige Weigerung aller US-Regierungen, den 1995 gefassten Beschluss des Kongresses umzusetzen und Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen, den Frieden keinen Zentimeter näher gebracht. Wenn daher selbst ernannte Experten warnen, die „muslimische Welt“ werde das nie akzeptieren, und wenn muslimische Führer warnen, damit werde der Friedensprozess beendet, muss man fragen: Welcher Friedensprozess ist da gemeint?

Lesen Sie hier den Beitrag aus WELT Online vom 06. 12. 2017 zu Ende.

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INTERNET-PROPAGANDA

Wie der Kreml die deutsche Demokratie destabilisiert

 

Die russischen Staatsmedien unterstützen Bewegungen auf der extremen Linken und der extremen Rechten gegen das deutsche „Establishment“. Im Gegenzug unterstützen diese die Agenda Moskaus.

Von Anne Applebaum, Peter Pomeranzew

Die Zersplitterung der Medien und der großen Parteien, zornige Auseinandersetzungen und Polarisierung kennzeichnen schon länger die deutsche Politik. In den Monaten vor der Bundestagswahl 2017 haben jedoch russische und andere auswärtige Gruppen der sogenannten Alternativen Rechten versucht, die Spaltungen zu vertiefen und die Polarisierung auf die Spitze zu treiben.

In den Debatten des Mainstreams war deren Arbeit vielleicht nicht so sichtbar. An den Rändern jedoch – genau dort, wo die Wahl 2017 gewonnen und verloren wurde – sorgte eine Mischung aus unzutreffenden „Nachrichten“ in russischen Staatsmedien und Manipulation der sozialen Medien im Sinne des Kreml dafür, dass gesellschaftliche Kontroversen – etwa über die Zuwanderung – verstärkt und das Misstrauen in die demokratischen Institutionen Deutschlands geschürt wurden. Das Ziel: die AfD zu unterstützen.

Das ist die Schlussfolgerung eines Berichts, den wir zusammen mit der London School of Economics und dem Institute for Strategic Dialogue erstellt haben. Unser Befund: Die russischen Staatsmedien unterstützen Bewegungen auf der extremen Linken und der extremen Rechten gegen das deutsche „Establishment“; im Gegenzug unterstützen diese Bewegungen die Agenda Moskaus.

Diese sich wechselseitig verstärkende Dynamik ist ja auch in den USA und Frankreich beobachtet worden, auch wenn die Intervention in Deutschland weniger spektakulär war. Unsere Nachforschungen haben aber auch Versuche der „Alt-Right“ in den USA aufgedeckt, zusammen mit deutschen Akteuren koordinierte Kampagnen zur Unterstützung der AfD durchzuführen.

Manche Details sind durchaus amüsant. So hat eine in Nischni-Nowgorod beheimatete Gruppe sogenannte Twitter-Bots-Memes zugunsten der AfD gestreut, die von der internationalen „Alt-Right“ entwickelt worden waren. Auf speziellen Plattformen wie 4chan und Discord bieten „Alt-Right“-Webkonten aus den USA deutschen Aktivisten der rechtsextremen Szene taktische Hinweise zur „memetischen Kriegsführung“, zur Schaffung gefälschter Konten oder Parodiekonten und zur Verwirrung.

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KONFLIKT  MIT  ERDOGAN

Stimmung zwischen Deutschtürken und Deutschen am Tiefpunkt

 

Das Verhältnis von türkischstämmigen zu anderen Bürgern hat sich stark eingetrübt: Schuld daran ist der Konflikt zwischen der Bundesregierung und Präsident Erdogan. Eine Gruppe von Deutschtürken ist besonders verbittert.

Die politischen Streitigkeiten zwischen Berlin und Ankara haben nach Ansicht vieler Deutschtürken auch ihr Verhältnis zu ihren deutschen Mitbürgern beeinträchtigt. Der Umgang zwischen Deutschen und in Deutschland lebenden Türkeistämmigen habe sich in den vergangenen Jahren verschlechtert, sagten 52 Prozent der Befragten in einer repräsentativen Umfrage.

Als Grund gaben die meisten (59 Prozent) die Regierungsstreitigkeiten an. 53 Prozent der Befragten sind der Meinung, dass auch die Medienberichterstattung eine Rolle spielt. Schlechte persönliche Erfahrungen nannten die wenigsten als Grund.

Das Meinungsforschungsinstitut Data 4U hatte im Auftrag von „Panorama – die Reporter “ (NDR Fernsehen) mehr als 2800 Türkeistämmige befragt. Nur 12 Prozent gaben demzufolge an, dass sie die deutsche Kritik am türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan für berechtigt halten. 44 Prozent halten sie nicht für gerechtfertigt. Der Großteil der Befragten gab allerdings auch an, sich in Deutschland wohl zu fühlen.

Bildungsgrad entscheidet

Dabei machte es den Ergebnissen zufolge kaum einen Unterschied, ob die befragten Türkeistämmigen in erster, zweiter oder dritter Generation in Deutschland leben. Data 4U nannte als wichtigsten Unterschied den Bildungsgrad.

Lesen Sie hier den Beitrag aus WELT Online vom 05. 12. 2017 zu Ende.

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UNO-UMWELTGIPFEL  IN  KENIA

Jeder vierte Mensch stirbt an den Folgen von Umweltverschmutzung

 

Plastikmüll, dreckiges Wasser, belastete Luft: Weltweit sterben laut Uno 12,6 Millionen Menschen an den Folgen von Umweltverschmutzung. Experten beraten derzeit in Kenia, was dagegen getan werden kann.

Die weltweite Plastikproduktion muss deutlich reduziert werden. Das fordert der Leiter des Uno-Umweltprogramms Erik Solheim beim Auftakt des Uno-Umweltgipfels in Nairobi, Kenia. Am Allerwichtigsten sei es, "Plastik an der Quelle anzugehen", so Solheim. Es werde zu viel Kunststoff produziert, der nicht unbedingt nötig sei - etwa Strohhalme oder Verpackungen von Lebensmitteln. Jährlich landen der Uno zufolge rund acht Millionen Tonnen Plastikmüll in den Meeren.

Solheim sieht vor allem Regierungen und den Privatsektor in der Pflicht, Plastikverschmutzung zu reduzieren. Er lobte die Regierung Kenias, die jüngst nach mehreren Anläufen und viel Widerstand Plastiktüten verboten hatte. Wer dort Plastiktüten nutzt, dem droht sogar eine Haftstrafe.

Das Land hat sich damit rund 40 anderen Ländern angeschlossen, die mit Beschränkungen oder Verboten der Tüten gegen eines der größten Umweltprobleme weltweit vorgehen wollen. Dies habe in Kenia bereits positive Effekte erzeugt, sagte Solheim.

Neben Plastikmüll besprechen die mehr als hundert Umweltminister sowie einige Staats- und Regierungschefs, Aktivisten, Wissenschaftler und Vertreter des Privatsektors bei dem Gipfel auch viele weitere Umweltprobleme.

Umweltverschmutzung ist der Uno zufolge für den Tod von jährlich etwa 12,6 Millionen Menschen verantwortlich, etwa ein Viertel aller Tode jährlich. Wie viele genau an den Folgen einer verpesteten Umwelt sterben, ist jedoch schwer zu beziffern. Laut einer weltweiten Analyse verkürzt Umweltverschmutzung jedes sechste Leben. Todesursachen sind demnach vor allem Herzerkrankungen, Schlaganfälle und Lungenleiden.

Lesen Sie hier den Beitrag aus SPIEGEL Online vom 04. 12. 2017 zu Ende.

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RUSSLANDKONTAKTE

Wenn Flynn auspackt, wird es eng für Trump

 

Sonder-Aufklärer Robert Mueller hat mit Michael Flynn einen zentralen Kronzeugen gewonnen. Der ehrgeizige und durchtriebene Mann könnte die Trump’sche Obstruktion des Rechts beenden helfen.

Von Michael Stürmer

Wo Rauch ist, sagt der Volksmund, da ist auch Feuer. Und wenn nach der Vernehmung des Angeklagten Michael Flynn durch das FBI der Staatsanwalt sich auf eine Kronzeugenregelung einlässt, so muss man annehmen, dass er sich davon weiterführende Erkenntnisse verspricht.

So geschah es im Zusammenhang mit den Untersuchungen der Russlandkontakte der Trump-Wahlkampagne. Dem Sonderaufklärer Robert Mueller geht der Ruf des unbestechlichen Staatsdieners und Kenners der Geheimdienste voraus. Offenkundig erwartet er, dass Flynn, um der drohenden Strafe von fünf Jahren Gefängnis zu entgehen, auspackt: Er hat nichts mehr zu verlieren.

Michael Flynn, geb. 1958 in eine Familie irischer Abstammung, stieg in der US-Army so weit auf, zumeist im Bereich militärische Aufklärung, wie es nur wenigen beschieden ist. Er war zuletzt Dreisternegeneral und Chef der Defense Intelligence Agency, des Militärgeheimdienstes. Aber wer hoch steigt, kann tief fallen.

In den Diensten der Trump-Wahlkampagne war er Scharfmacher ohne alles Maß. Auf dem Nominierungsparteitag 2016 schrie er sich vor den Fernsehkameras die Lunge aus dem Leib mit dem unzweideutigen Slogan: „Lock her up!“ – Sperrt sie ein! Schauermärchen über Hillary verbreitete er mit Gusto: Fake News. In der Zeit des Übergangs warnte Präsident Obama vergeblich den Nachfolger vor dem ränkereichen General.

Statt auf Distanz zu gehen, beförderte, als die Verteilung der Posten anstand, Trump seinen Getreuen zum Chef des Nationalen Sicherheitsrats, Teil des Weißen Hauses und Schlüsselposition zwischen Außen- und Verteidigungsministerium.

Flynn hielt sich allerdings nur 25 Tage im Amt. Dann musste er zurücktreten, weil er bei der Prüfung durch das FBI russische und türkische Verbindungen, finanzielle und andere, versteckt und verschwiegen hatte.

Lesen Sie hier den Beitrag aus WELT Online vom 03. 12. 2017 zu Ende.

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VOR  FAST  1000  JAHREN  ENTSCHIEDEN

Wann beginnt der Advent?

 

Ab wann kann man anfangen, sich auf das Weihnachtsfest einzustimmen? Unter Christen stritt man darüber schon vor fast 1000 Jahren. Kaiser Konrad II. machte dem 1083 ein Ende. Seine Entscheidung prägt die Adventszeit noch heute.

Am Sonntag den 26. November 1038 machte der damalige römisch-deutsche Kaiser Konrad II. (990 bis 1039) auf dem Weg von Burgund nach Goslar Halt in Straßburg. Er besuchte dort den Bischof, seinen Onkel Wilhelm. Der hatte eigentlich geplant, mit der Ankunft des Kaisers den ersten Advent zu feiern. Doch es kam anders.

"Der Kaiser und seine Umgebung waren damit nicht einverstanden", schreibt der Historiker Herwig Wolfram in seinem Buch "Konrad II.". Dieses Ereignis bestimmt noch heute den Beginn des Advents, in diesem Jahr fällt er auf den 3. Dezember - also auf den morgigen Sonntag.

Hätten Konrad und Wilhelm den 1. Advent bereits am 26. November gefeiert, hätte es insgesamt fünf Adventssonntage gegeben - einen mehr als von Papst Gregor dem Großen gut 400 Jahre zuvor vorgegeben. Bis zum kaiserlichen Besuch bei Bischof Wilhelm stand nur die Zahl der Adventssonntage fest, ein Datum war nicht festgelegt. Das sorgte für Diskussionen über die Länge der Adventszeit. Advent ist die Abkürzung des lateinischen "Adventus Domini" - die "Ankunft des Herrn" und bezeichnet die Zeit, in der sich die Christen auf das Fest der Geburt Jesu vorbereiten.

Adventsregelung war für Kirche wichtige Entscheidung

Eine Woche nach seiner Ankunft zog Kaiser Konrad II. einen Schlussstrich unter den sogenannten Adventsstreit. Am 3. Dezember feierte er zusammen mit seiner Frau Gisela und mehreren Bischöfen im Kloster Limburg bei Bad Dürkheim in der heutigen Pfalz den ersten Advent. Zugleich ließ Konrad die Datums-Spanne regeln. Es wurde festgelegt, dass der erste der vier Adventssonntage immer zwischen dem 27. November und dem 3. Dezember liegen muss. Das führt dazu, dass der Advent in diesem Jahr besonders kurz ausfällt.

Lesen Sie hier den Beitrag aus n-tv Online vom 02. 12. 2017 zu Ende.

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"MORALISCH  NICHT  LEGITIMIERT"

Ärger über AfD-Solidarität mit liberaler Moschee

 

Politischer Schachzug oder Richtungsstreit in der AfD? Die Partei findet, dass die liberale Moschee von Seyran Ates Solidarität verdient. Darüber streitet das Berliner Abgeordnetenhaus nicht. Allerdings über den Urheber der Debatte.

Die Fraktionen im Berliner Abgeordnetenhaus haben der liberalen Moscheegründerin Seyran Ates demonstrativ den Rücken gestärkt, mochten sich aber einem entsprechenden Antrag der AfD nicht ohne Weiteres anschließen. In dem Antrag, der am Donnerstag debattiert wurde, forderte die AfD-Fraktion „Solidarität“ mit der im Juni in Moabit gegründeten Ibn-Rushd-Goethe-Moschee. Die Moschee zeige einen „möglichen Weg hin zu einem in Europa integrierbaren Islam“, argumentierte die Partei.

Der Linke-Abgeordnete Hakan Tas sprach mit Blick auf den Antrag von einer Unverschämtheit. „Das ist eine Beleidigung aller Moscheen und aller Menschen muslimischen Glaubens.“ Die AfD sei moralisch nicht legitimiert, diesen Antrag zu stellen. Die FDP-Abgeordnete Maren Jasper-Winter nannte den Antrag „doppelzüngig und falsch“.

Die grüne Abgeordnete Bettina Jarasch sagte, der AfD-Antrag sei für sie nicht zustimmungsfähig. Er suggeriere, dass sich die Moschee deswegen Solidarität verdiene, weil es sich um eine liberale Form des Islam handele. Grundrechte müsse man sich nicht verdienen, „die hat man“, so Jarasch. Frau Ates habe ihr gegenüber deutlich gemacht, „dass sie nicht von Islamfeinden wie Ihnen“ vor den Karren gespannt werden wolle.

„Zartes Pflänzchen“ des liberalen Islam schützen

Frank Jahnke (SPD) sagte, die AfD tue sich üblicherweise durch platte Islamfeindlichkeit hervor, deswegen sei ihr Antrag zunächst überraschend. Ob dies nur ein politischer Schachzug sei oder ob sich nun ein Richtungsstreit in der AfD offenbare, sei dabei ohne Belang. In welcher Form sich das Parlament am Ende solidarisch mit Ates zeige, werde in den Ausschüssen zu diskutieren sein. „Ein Schnellschuss hilft hier niemandem.“

Lesen Sie hier den Beitrag aus WELT Online vom 01. 12. 2017 zu Ende.

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ZUWANDERUNG  IN  EUROPA

In einem Szenario verdoppelt sich die Zahl der Muslime bis 2050

 

Die muslimische Bevölkerung Europas wird in den kommenden Jahren zunehmen. Das geht aus einer aktuellen Studie hervor. In Deutschland könnte sich der Anteil bis 2050 gar mehr als verdreifachen.

Von Ansgar Graw

Der muslimische Anteil an der Bevölkerung Europas wird sich in den kommenden Jahren massiv erhöhen – und möglicherweise sogar vervielfachen. Das prognostiziert eine Studie der Denkfabrik Pew Research Center, die der WELT vorliegt. Nach einem von drei zugrunde gelegten Szenarien könnte sich der Anteil der Muslime in Deutschland gar mehr als verdreifachen, nämlich von rund sechs Prozent (2016) auf knapp 20 Prozent (2050).

Mit „Europas wachsende Muslim-Bevölkerung“ ist die Studie des in Washington D. C. ansässigen Instituts überschrieben („Europe’s growing Muslim population“). Die Autoren erklären darin, in welchem Umfang das Gewicht des Islam in Europa weiter zunehmen wird – das gilt sogar für den hypothetischen Fall einer sofortigen Schließung aller Grenzen nach Europa und der vollständigen Beendigung auch legaler Zuwanderung, etwa in Form von Arbeitsvisa.

In diesem Szenario eins einer „Null-Zuwanderung“ gibt es dennoch einen Zuwachs der muslimischen Bevölkerung aller 30 europäischen Staaten von 4,9 Prozent auf 7,4 Prozent – und in Deutschland von sechs auf 8,7 Prozent. Der Grund: Zuwandernde Muslime sind im Durchschnitt um 13 Jahre jünger als die einheimische Bevölkerung und haben eine höhere Geburtenrate.

Szenario zwei geht von einer „mittleren Zuwanderung“ aus, bei der überhaupt keine weiteren Asylbewerber oder Schutzsuchenden kämen, sondern nur noch reguläre Zuwanderung insbesondere mit Arbeitsverträgen oder zum Zweck eines Studiums. Der Effekt: In Europa würde sich der muslimische Anteil auf knapp über elf Prozent verdoppeln, in Deutschland bliebe er knapp darunter.

Szenario drei einer „hohen Zuwanderung“ geht von einem unvermindert hohen Zuwachs wie in den Jahren 2014 bis 2016 aus. Dadurch würde sich der muslimische Anteil in Europa (auf 14 Prozent) und in Deutschland (auf knapp 20 Prozent) ungefähr verdreifachen.

Lesen Sie hier den Beitrag aus WELT Online vom 30. 11. 2017 zu Ende.

Mit freundlicher Genehmigung der Redaktion des WELT Online. Weitere interessante Beiträge aus Politik, Gesellschaft und Religion unter www.welt.de

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